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Reportage: Der Hodscha und die Piepenkötter
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Titel:      Der Hodscha und die Piepenkötter
Kategorien:      Reportage
BuchID:      2330
Autor:      Birand Bingül
ISBN-10(13):      3862520153
Verlag:      Rowohlt
Publikationsdatum:      2011-05-02
Edition:      Hardcover
Number of pages:      320
Sprache:      Deutsch
Bewertung:     

5 
Bild:      cover           Button Buy now



Beschreibung:      Product Description
Der Hodscha und die Piepenkött
   


Rezensionen
Der Autor, die Klischees, und die Leser

24.02.2012 Bewertung:  5 rumble-bee vergibt 10 von 10 Punkten

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Ach ja - ich denke, an diesem Buch lässt sich wunderbar zeigen, wie \"vermint\" das Feld um die allgegenwärtige Integrationsdebatte in Deutschland ist. Wir gehen mittlerweile dermaßen verkrampft mit dem Thema um, dass wir selbst von reiner Unterhaltungslektüre verlangen, tiefgründige und vielschichtige Themen aufzugreifen - und dann auch noch, bitteschön, politisch korrekt. So kommt es mir zumindest vor, wenn ich viele Rezensionen lese.

Doch was will und wollte eigentlich der Autor? Schließlich ist er selber Türke, und zwar einer der jüngeren Generation, die bereits hier aufgewachsen ist. Er ist gelernter Journalist, und hat für WDR und ARD gearbeitet. Und da sollte man doch meinen, dass er eine recht zutreffende und vor allem abgeklärte Haltung entwickelt hat. Was tut er also? Er erfindet kurzerhand einen türkischen Geistlichen, Nuri Hodscha, sowie eine deutsche Politikerin, Ursel Piepenkötter (herrlicher Name!), mit ziemlich unverhohlenen Anklängen an Angela Merkel. Und diese beiden lässt er nun symbolhaft für Deutschland die ganze Handlung über gegeneinander in den Ring steigen.

Schon allein die Gestaltung dieses Bandes, sowie Titel und Inhalt, machen überdeutlich, worum es Birand Bingül hier geht. Er will ja gar nicht politisch korrekt sein, und auch keinen realistischen Roman schreiben. Ich vermute: er hat diese ganzen verbissenen Debatten herzlich satt, und versucht, die Leser mit Humor durch ein vermintes Feld zu führen - um somit BEIDEN Seiten den Spiegel vorzuhalten. Und genau das gelingt ihm hervorragend!

Das Cover und die Kapitelüberschriften sind im Comic-Stil gehalten. Auf dem vorderen Einband sehen wir den Hodscha und die Piepenkötter, die sich verbissen den Rücken zukehren. Sehr symbolträchtig: jeder ist vor dem Hintergrund des religiösen Gebäudes der jeweils anderen Person abgebildet.

Die Überschriften haben einen sehr heiteren Ton, und erinnern den Leser an klassische humoristische Romane. \"Wie der Hodscha und die Piepenkötter sich das erste Mal trafen\", \"Wie der Hodscha und die Piepenkötter um das riesengroße Kreuz stritten\", \"Wie der Hodscha und die Piepenkötter wegen der Rolle der Frau im Islam aneinander gerieten\" - das klingt schon fast wie eine Moritat oder ein Märchen, und es zeigt dem Leser vor allem, dass dies alles beispielhaft gemeint ist. Man soll sich darin wiedererkennen - und lachen!

Ferner finde ich auch die zeitliche Konstruktion pfiffig gemacht. Innerhalb der Kapitel gibt es - szenenweise - wiederum einzelne Abschnitte, die mit Datum versehen sind. Alles wird rückwärts gezählt, bis hin zur ersehnten Wiederwahl von Ursel Piepenkötter. Wie eine kleine Bombe tickt das Buch vor sich hin, bis zum Tag der Wahl. Und da ist es doch logisch, dass es auch hin und wieder einmal \"krachen\" darf!

Auffällig ist bei genauem Hinlesen auch, wie gleichmäßig und \"gerecht\" der Autor die beiden Figuren angelegt hat. Beide Protagonisten haben a) einen Assistenten, der ihm/ihr blind vertraut und alles tut, b) ein pubertierendes Kind, c) eine Organisation hinter sich, die Druck macht, d) einen politischen oder religiösen Gegenspieler, und e) ein Geheimnis, einen Fehltritt, den die Öffentlichkeit besser nicht kennen sollte. Das zeigt mir ganz deutlich, dass der Autor weder Partei ergreift, noch dem Leser die Bewertung in irgendeiner Weise abnimmt. Nachdenken soll man selber.

Sicher sind die hier ausgewählten Themen, an denen sich die Ringkämpfe von Nuri Hodscha und der Piepenkötter entzünden, ganz typische Vorurteile. Moscheebau, Schwimmunterricht, Kopftuch, Islamismus. Doch das Buch endet ja mit einem \"Machtwort\" Allahs, worin angedeutet wird, dass \"Er\" mit Nuri Hodscha noch viel Ärger voraussieht. Daraus lässt sich schließen, dass es noch weitere Bände geben wird, ja, geben muss. Und dann werden sicher auch die Themen noch vielfältiger. Für einen ersten Einstieg aber fand ich die Auswahl recht gelungen.

Ich habe an diesem Buch vorrangig den Witz genossen. Und der steckte wirklich in vielen Details. Die Beschreibung der deutschen Kleinstadt, der eifrig scharwenzelnde Referent \"Meierlein\" (köstlich!!), Nuri Hodscha mit seinen heimlichen Lüsten (Plakate beschmieren, Tore schießen üben, und und und), der heimlich schlaue Assistent Osman, der mitternächtliche Schlagabtausch zwischen Hodscha und Piepenkötter in einer Gartenlaube, die Frauenunion, die selbstgerechten Reden anlässlich einer Podiumsdiskussion- ach, es waren fast zu viele Stellen, die ich genossen habe. Und nicht zu vergessen: die Gespräche des Hodscha mit Allah. In diesen Gesprächen wurde auch deutlich, dass sich der Autor kräftig bei Giovanni Guareschi und seinem \"Don Camillo\" inspiriert hat.

Muss ich da wirklich noch Haare spalten und anmerken, dass - selbstverständlich - noch die Kinder der Protagonisten mit hineingezogen werden? Dass sowohl Hodscha als auch Piepenkötter recht verbohrt und überzeichnet sind? Dass der Lokalreporter allen gängigen Klischees entspricht? Dass es am Ende denkbar knapp ausgeht? Nein, das muss ich nicht wirklich. Daran bemisst sich nicht der Wert dieses Buches. Nein, der liegt woanders. Nämlich darin, über Sarrazin & Co. endlich einmal hinweg zu sehen. Zu lachen und sich selber nicht mehr so wichtig zu nehmen. Und sich auf weitere Bände zu freuen.

 


rumble-bee hat insgesamt 76 Rezensionen angelegt.


 
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