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Krimi/Thriller: Die Stille nach dem Schrei
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Titel:      Die Stille nach dem Schrei
Kategorien:      Krimi/Thriller
BuchID:      1550
Autor:      Isolde Sammer
ISBN-10(13):      3499253704
Verlag:      rororo
Publikationsdatum:      2010-09-01
Edition:      Taschenbuch
Number of pages:      400
Sprache:      Deutsch
Bewertung:     

4 
Bild:      cover           Button Buy now



Beschreibung:      Product Description
Die Stille nach dem Schrei
   


Rezensionen
Auf der Suche nach der Wahrheit

08.09.2010 Bewertung:  4 antjemue vergibt 8 von 10 Punkten

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Kürzlich kaufte ich mir den Debüt-Psychothriller einer deutschen Autorin. Auf „Die Stille nach dem Schrei“ von Isolde Sammer war ich schon vor der Veröffentlichung auf einer meiner Lieblingsseiten im Netz aufmerksam geworden. Der Klappentext:
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Irenes Leben wird zum Albtraum, als ihr Sohn Jonas gewaltsam ums Leben kommt. Der Täter: Irenes siebzehnjähriger Stiefsohn Martin. Die Tat: im Affekt. Angeblich wurde Martin Zeuge, wie Jonas einen kleinen Jungen ermordete. Auch behauptet Martin plötzlich, von seinem eigenen Vater jahrelang missbraucht worden zu sein. Das Gericht spricht Martin frei, doch Irene zweifelt an seiner Version. Sie will die Wahrheit um jeden Preis herausfinden. Erst recht, als Martin die Abiturientin Tina in seinen Bann zieht. Denn Irene ahnt, wozu ihr Stiefsohn fähig ist …
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weckte mein Interesse. Auch die Leseprobe (http://www.rowohlt.de/fm/131/Sammer_Die_Stille.pdf) hatte mich gefesselt. Da es leider mit dem Gewinn eines Vorableseexemplars nicht geklappt hatte, wartete ich ungeduldig auf den Erscheinungstermin. Ich wollte unbedingt weiter lesen.
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Tiefe Abgründe
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Tina ist davon überzeugt, dass sie ihren 19. Geburtstag nicht erleben wird und hat nur noch ein Ziel. Sie möchte ihren kleinen Bruder Benny beschützt und in Sicherheit wissen. So schreibt sie dem Polizisten Schneider ihre haarsträubende Geschichte auf, die sehr eng mit der von Martin verknüpft ist.
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Martin ist ein junger Mann, der vor geraumer Zeit zwar wegen Totschlages an seinem jüngeren Stiefbruder verurteilt, aber vor Gericht von dem eigentlichen Vorwurf - des Mordes - freigesprochen wurde. Seine Stiefmutter Irene weiß überhaupt nicht mehr was sie glauben soll und ist am Verzweifeln. Kannte sie ihren Ehemann und den eigenen Sohn Jonas so schlecht und hat sie tatsächlich jegliches Anzeichen – wie Martin behauptet - gedanklich ausgeblendet und ihn im Stich gelassen? Oder hat es Martin tatsächlich geschafft, die ganze Welt über seine wahre Natur hinweg zu täuschen?
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Ein haarsträubendes Lesevergnügen
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In den flüssigen, bildhaften und stets mit unterschwelliger Spannung versehenen Schreibstil der Autorin, der jeweils perfekt auf die Charaktere zugeschnitten ist, las ich mich sehr schnell hinein.
Die Geschichte, die in verschiedene Handlungsstränge aufgeteilt ist, beginnt ungewöhnlich, mit dem Geschriebenen von Tina an den Polizisten Schneider, der zunächst für mich als Leser nur eine imaginäre Person ist, in der Ich-Perspektive. Also eigentlich (fast) am Ende.
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Tina erzählt aus ihrer Sicht, wie sie, die sich von ihrer Mutter vernachlässigt fühlt, Martin schon in sehr jungen Jahren kennen lernte, aus den Augen verlor und ihn schließlich, im Zusammenhang mit Presseberichten über den grauenvollen Mord an Joey und der unklaren Beteiligung von dem ebenfalls getöteten Jonas und Martin selbst, wieder findet.
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Unterbrochen wird diese Lebensbeichte durch interessante Einblicke in die Gefühlswelt von Martins Stiefmutter Irene Wegner und von Martin selbst. Für diese beiden anderen Eckpfeiler der Geschichte hat die Autorin die Erzählperspektive gewählt.
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Ziemlich schnell weiß ich als Leser, dass Martin abnorm anders und schuldig ist, es jedoch gekonnt versteht, seine gesamte Umgebung - mit Ausnahme der Stiefmutter Irene (und selbst die hat Zweifel) - zu täuschen. Ich weiß also im Gegensatz zu Irene und später auch zu dem Kriminalisten Hanno Schneider, der Irene bei der Suche nach der Wahrheit unterstützt, ganz genau, dass Martin die Morde begangen hat. Trotzdem mindert dieses Wissen, den Drang weiter zu lesen, nicht im Geringsten. Es wird ja auch nicht direkt ausgesprochen und es bleiben auch immer noch viele Fragen nach dem Warum und Weshalb offen, auf die im Laufe der Handlung erst Tina die Antworten gibt.
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Tina, eigentlich eine gefühlvolle und ganz normale junge Frau, die nach Leben und Liebe hungert und die im weiteren Verlauf ihrer Geschichte Martin immer höriger wird, bis der endlich wieder einsetzende Verstand und  die Liebe zu ihrem kleinen Bruder sie dazu bringen, aus dieser Hörigkeit auszubrechen.
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Die Autorin schreibt sehr emotional. In dem Moment, wo man den Roman liest, kann man sich in fast jede ihrer Figuren hinein versetzen. Steht man bei Irene meist voll hinter ihr, ich bewunderte sie sogar, dass sie sich nach wie vor um Gudrun, die Mutter des verstorbenen Ehemannes kümmerte, möchte man Tina oft am liebsten rütteln und schreien, sieh doch genau hin.
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Nur ein Einfühlen in Martin gelang mir persönlich überhaupt nicht. Natürlich hatte er eine traurige Vorgeschichte, aber andere Menschen, die nicht zu Mördern werden, haben teilweise traurigere. Auch die Beschreibungen der Autorin über seine innere Zerrissenheit, konnten bei mir persönlich nicht punkten. So ziemlich das Einzige, was mich an der Geschichte immer mal nervte, war der Versuch der Autorin auch Martin hin und wieder als Opfer darzustellen. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich persönlich davon überzeugt bin, dass jeder Mensch selbst entscheidet, welchen Weg er geht und ich noch nie irgendwelches Mitleid mit Kinderschändern aufbringen konnte.
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Alles in allem ist Isolde Sammer jedoch mit „Die Stille nach dem Schrei“ ein lesenswertes Debüt im Bereich Psychothriller gelungen. Naja, sie schreibt ja auch nicht erst seit gestern. Die mit ihrem Mann in Hamburg lebende Autorin arbeitet seit Jahren erfolgreich als Drehbuchautorin, u.a. für „Tatort“, „Bella Block“, „Die Kommissarin“, „Eurocops“, „Ein Fall für zwei“ und „Der Fahnder“.
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Rowohlt Taschenbuch Verlag 2010
ISBN 978-3-499-25370-6
400 Seiten
Für 9,95 € als Taschenbuchausgabe im deutschen Buchhandel erhältlich.


antjemue hat insgesamt 45 Rezensionen angelegt.


Schockierend gut!

16.09.2010 Bewertung:  4.5 Cornelia Bruno vergibt 9 von 10 Punkten

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Das Buch handelt von Martin, der verdächtigt wird seinen Bruder und einen weiteren Jungen sexuell missbraucht und ermordet zu haben.
Als er vor Gericht aber angibt seinen drei Jahre jüngeren Bruder im Affekt getötet zu haben, weil er diesen in einer Scheune entdeckt habe, als dieser gerade einen anderen Jungen sexuell missbrauch und bestialisch ermordet hatte, wird ihm geglaubt. Als Grund für die Tat (daß er seinen Bruder erschlug), gibt er an, daß er als Kind selbst von seinem Vater sexuell missbraucht worden sei. Er wird aus Mangel an Beweisen vom Gericht freigesprochen. Martin kehrt in das Haus seiner Stiefmutter zurück, die jedoch ganz und gar nicht an seine Unschuld glaubt.

Die zweite Protagonistin in diesem Buch ist Tina, sie verliebt sich in Martin, während dieser noch im Gefängnis sitzt und ist von seiner Unschuld überzeugt. Sie hält sich immer wieder vor Martin´s Haus auf, bis dieser schließlich auf sie aufmerksam wird und sich mit ihr trifft. Tina ist Martin vollkommen hörig. Doch interessiert er sich wirklich für sie oder hat er es auf ihren kleinen Bruder abgesehen? Als Tina klar wird, was Martin wirklich im Schilde führt, bleibt ihr nur noch ein Ausweg...

Die Autorin hat das Buch geschickt in zwei Handlungsstränge geteilt und wieder zusammengefügt. Tina erzählt ihren Teil der Geschichte aus der Ich-Perspektive, während Martin´s Part mehr dem normalem Erzählstill zugetan ist. Das macht das ganze Buch sehr abwechslungsreich und gibt tiefe Einblicke in beider Lebens-, Denkweisen und Gefühlswelten. Alle Charaktere sind hervorragend ausgearbeitet und sehr gut beschrieben. Der Leser kann sich sehr gut in die einzelnen Personen hineinversetzen, sei es nun Irene, die ständig zweifelnde Stiefmutter oder auch Martin oder Tina.

Isolde Sammer nimmt auch bei den pikanten und sehr grausamen Stellen kein Blatt vor den Mund. Sie schildert die Taten, sowie die sadistische Gedankenwelt Martins bis ins Detail und das mag für sensible Leser nicht gerade einfach zu schlucken sein. Aber abgesehen von der Brutalität der geschilderten Taten ist dieses Buch ein wirklich hervorragend ausgearbeiteter Psychothriller, der nicht nach Schuld oder Unschuld sucht, sondern vielmehr das Warum ins Auge fasst. Wie konnte es zu einer so grausamen Tat kommen und wer trägt die Schuld daran?

Auch wenn man als Leser sofort ahnt, wer der Täter ist, so bleibt man doch aufgrund der weiteren Personen und derer Bedeutungen während des Lesens ständig in Anspannung. Man atmet nicht auf, weil man nun weiß wer es war, nein man versetzt sich automatisch in jede Person und hinterfragt deren Handeln und Tun (z.B. Warum ist Tina so naiv und merkt nicht, was wirklich passiert?). Spannung pur ... bis zum Ende!

Isolde Sammer ist eine erfolgreiche Drehbuchautorin für Krimiserien u.a. für Tatort. Mit „Die Stille nach dem Schrei“ ist ihr ein wirklich toller Debütroman gelungen.


Cornelia Bruno hat insgesamt 0 Rezensionen angelegt.


Ein Leben mit einem pädophilen Killer

09.10.2010 Bewertung:  4 horrorbiene vergibt 8 von 10 Punkten

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Martin wurde kurz vor seinem Abitur festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft. Hat er seinen Bruder erwischt, als er einen anderen Jungen vergewaltigte und ihn dann im Affekt erschlagen, oder hat er selbst sich an dem Jungen vergangen und wurde dabei von seinem Bruder erwischt? So startet das Buch. Es wird jedoch sehr schnell deutlich, wie Martin tickt: Er ist pädophil, gewalttätig und ein Mörder. Doch er wird freigelassen. Wie er die nächste Zeit nach der Freilassung verbringt, das schildert das Buch.

Dabei werden mehrere Perspektiven eingesetzt: Seine Stiefmutter Irene, die stets an die Schuld von Martin glaubt; Tina, die Martin von früher kennt, sich erneut in ihn verliebte und seine Nähe sucht und zuletzt Martin selbst. Dieser Wechsel der Perspektiven ermöglicht eine interessante Sicht auf die Handlung vor allem auch auf die Gegenpartei (Tina/Martin gegen Irene). Tinas Perspektive ist als Bericht gestaltet, so dass sie von einem späteren Zeitpunkt aus ihre eigenen Handlungen beschreibt, diese versucht zu erklären und auch wertet. Dies finde ich besonders gelungen, da man so einen Eindruck ihrer Psyche bekommt.

Interessant fand ich auch, dass später im Buch Irene medizinische Fachliteratur zu Sexualstraftätern liest und so der Leser auch einen Einblick auf die fachliche Seite bekommt. Z.B. Wurde eine Studie erwähnt, die besagt, dass eine zwar geringe Prozentzahl an Männern bei einer anonymen Umfrage zugibt, pädophile Orientierung zu haben und eine noch geringere Prozentzahl auch zugibt diesem Drang nachzugeben. Wenn man jedoch die reguläre Zahl derer sieht, die dem Drang nachgeben und da ja auch nicht alle Männer gefragt wurden, ist dies schon eine ziemlich beängstigende Menge.

Der sehr einfache Schreibstil ermöglicht das Buch selbst in einem Rutsch durchzulesen. Aufgrund der Perspektivwechsel möchte man immer weiter lesen, um zu wissen, wie es weitergeht. Doch auch wenn das Thema an sich sehr schockierend ist, so wirklich \"gethrillt\" habe ich mich nicht gefühlt, was vielleicht daran liegt, das die heiklen Passagen von Tina berichtet wurden und man sich nicht mit ihr erlebt hat. Das macht jedoch gar nichts, da der Einblick in diese fremde Welt und der Psyche wirklich sehr interessant war. Ich finde dieses Buch gelungen und kann es guten Gewissens weiterempfehlen.


horrorbiene hat insgesamt 42 Rezensionen angelegt.


Tina ist verliebt!

04.11.2010 Bewertung:  5 metAlpAnda vergibt 10 von 10 Punkten

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\"Tina ist verliebt\" - schreit ihr kleiner Bruder und hüpft vergnügt auf und ab in seinem Bettchen. Wenn er wüsste...

Tina Mahlbach ist ein siebzehnjähriges Berliner Mädchen aus dem Milieu, das oft als \"untere soziale Schicht\" bezeichnet wird - ihre Mutter lebt von Staatshilfe und angelt sich ab und zu reiche Männer, die ihr lebenslang für die Kinder bezahlen. Um ihre Sprösslinge scheint sie sich nicht besonders zu kümmern, zumindest hat Tina diesen Eindruck. Tina liebt ihren kleinen Bruder Benny abgöttisch, doch als sie ihren Helden aus den Kindertagen wiedertrifft, der sie mal in der Schule von bösen Jungs beschützt und anschließend geküsst hat, entdeckt sie eine ganz neue Dimension von Liebe - Liebe, die blind macht...

Martin Werneck, das Idol von Tina, wurde gerade aus dem U-Haft entlassen. Freigesprochen, obwohl er seinen vierzehnjährigen Halbbruder Jonas getötet hat. Im Affekt, so die Meinung des Richters, denn Martin wurde angeblich Zeuge, wie Jonas sich in einer verlassenen Scheune an einem kleinen Jungen sexuell verging und ihn anschließend tötete. Martin erregt das Mitleid der Öffentlichkeit, wird von der Presse bejubelt - denn die angeblichen Greueltaten seines verstorbenen Vaters, der den Jungen sexuell misshandelt haben sollte, kommen ans Licht. Die böse Stiefmutter soll dabei weggesehen haben und überhaupt viel falsch gemacht haben bei der Erziehung. Kein Wunder, dass da ein Kind zum Kinderschänder und der andere zum Mörder wird, bei solchen Eltern! Martin kehrt nach Hause zurück wie ein Sieger - und sein größter Fan ist Tina...

Die Autorin erzählt die spannende und mitreißende Geschichte aus mehreren Perspektiven - so ist da die Sicht der Dinge durch Tina, zusammengefasst in einen langen Brief an den Herrn Schneider - den leitenden Polizisten der SoKo \"Scheune\", der auch nach der Gerichtsverhandlung nicht ganz an die Schuldfreiheit Martins glaubt. Krasser Gegensatz dazu ist die Sicht Martins selbst, wobei dem Leser schon bald klar wird dass er tatsächlich nicht unbedigt das ist was die Menschheit als \"normal\" bezeichnet. Eine große emotionale Bedeutung hat auch die Sicht der Dinge durch Irene Werneck, die Stiefmutter. Im Laufe der gesamten Geschichte rennt sie nur einer Frage hinterher: \"Was habe ich falsch gemacht?\" Hat sie die abnormalen Neigungen ihres Mannes übersehen? Welchen Fehler hat sie bei der Erziehung ihres leiblichen Sohnes Jonas und ihres Ziehsohnes Martin gemacht? Hat sie überhaupt einen Fehler gemacht oder sind etwa nur die Gene schuld?

Der Schreibstil des Romans lässt sich nicht in einem Wort definieren, denn Isolde Sammer wechselt geschickt zwischen dem trockenen Satzbau, wenn die Geschichte aus der Perspektive von Martin geschrieben wird, dem emotionalen Mädchentagebuch-Schreibstil in Tinas Aufzeichnungen, ausufernden Erzählungen bei Rückblenden in die Kindheit Martins... Dennoch ist die Geschichte klar strukturiert und sehr gut durchdacht. Keine Ungereimtheiten, dafür ganz viele Emotionen. Unterschiedliche Sicht auch beim Leser: Ganz bestimmt kann man das Verhalten von Tina nicht gutheißen, aber wie sie sich rührend um ihren kleinen Bruder kümmert, macht einem das Herz auf. Die böse Stiefmutter wird beim genauen Betrachten gar nicht als böse empfunden, eine arme vom Schicksal gebeutelte Frau, je tiefer man in ihre Geschichte blickt. Für Martin hat man noch weniger übrig als für Tina, aber sein Werdegang ist erschreckend  alltäglich - wie viele vernachlässigte Halbwaisen erleiden das gleiche Schicksal. Wird man da so schnell zum Straftäter?

Es ist vielleicht in einer gewissen Hinsicht ein Frauenbuch - die Intention der Autorin ist, dass man mitfühlt. Wer ist das Opfer und wer der wahre Täter?

Im Laufe der Geschichte wird dem Leser allmählich vor Augen geführt, warum Martin so wurde. Sogar eine wissenschaftliche Erklärung mit der genetischen Veranlagung - das sogenannte MAOA-Gen, das von den Forschern für das aggressive Verhalten mit verantwortlich gemacht wird - wird geschickt in die Handlung eingefädelt.

An manchen Stellen mag der Roman etwas übertrieben wirken - gerade solche Passagen wie die Entlassung Martins, der bejubelt wird wie siegreiche Sportler bei Heimkehr - obwohl die Umstände der Tat nicht hundertprozentig für die Unschuld Martins sprechen, und immerhin: er hat einen Menschen umgebracht! Soviel öffentliche Akzeptanz und Bewunderung sind auch in der heutigen, von den Medien manipulierten Welt eher undenkbar.
Auch beim Verhalten Tinas fragt sich der Leser - wie weit kann ein Mensch aus Liebe gehen? Kann man wirklich tatenlos zusehen, wie der geliebte Partner einem anderen Leid antut?

Aber genau das will die Autorin mit ihrem Psychothriller zeigen: Die Grenzen der Normalität verschwimmen und verschwinden, wenn man dies zulässt, gewissermaßen den Schalter im Kopf umlegt und sich von den Gefühlen leiten lässt. Und das genaue Gegenteil: wie es enden kann, wenn ein Mensch wie Martin, der sich selbst als gefühllos bezeichnet, so gut wie keine Emotionen zu haben scheint. Schon als Kind keine Mutterliebe empfangen, reagiert er auch als Erwachsener nicht auf Zärtlichkeiten, weder sein Kopf noch sein Körper. Welchen Kick braucht so ein Mensch?..

Eher ungewöhnlich für einen Psychothriller ist der Kniff, dass der wahre Mörder dem Leser schon nach wenigen Seiten bekannt ist, der Roman beschäftigt sich nur mit der Frage nach dem \"Warum\". Und diese Frage hat Isolde Sammer in einer sehr interessanten Art und Weise beantwortet.


metAlpAnda hat insgesamt 28 Rezensionen angelegt.


Isolde Sammer - Die Stille nach dem Schrei

12.11.2010 Bewertung:  4 Stahlfixx vergibt 8 von 10 Punkten

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Über das Buch:
Irenes Mann ist verstorben, sie zieht den gemeinsamen vierzehnjährigen Sohn Jonas und ihren neunzehnjährigen Stiefsohn Martin allein auf. Am Rande einer Kirmes kommt es zu einer schrecklichen Tat - Jonas und ein etwas jüngere Junge, Joey, der schwer misshandelt wurde, werden tot aus einer brennenden Scheune geborgen. Der Tatverdacht fällt relativ schnell auf Martin, der allerdings beschwört, dass er Jonas in der Scheune dabei ertappt hat, wie er Joey zu Tode gequält hat und ihm daraufhin der sexuelle Missbrauch und die Gewalt, die ihm von seinem Vater angetan wurden wieder bewusst wurde und er (da Joey schon tot war) seinen Halbbruder im Affekt erschlug. Danach zündete er die Scheune an, um die Tat zu vertuschen. Irene fällt aus allen Wolken, ihr Leben ist ein Scherbenhaufen, wem soll sie noch glauben. Nach einer relativ kurzen Zeit der Untersuchungshaft wird Martin entlassen und Irene ist die einzige, die an seiner Version der Geschichte zweifelt.

Meine Meinung:
\"Die Stille nach dem Schrei\" ist das erste Buch aus der Feder von Isolde Sammer, die bisher \"nur\" Drehbücher geschrieben hat und meiner Meinung nach kein Unbeachtliches. Ein Psychothriller der sicherlich mehr für Frauen geschrieben ist, da es eigentlich Irenes Geschichte ist, die erzählt wird. Eine Geschichte, bei der der wahre Täter eigentlich von den ersten Seiten an bekannt ist, denn Martin gibt sich nur lammfromm, als Leser hat man aber recht schnell Einblick in seine Gedanken, die sich anfangs um den Sohn eines Mithäftlings drehen. Keine schönen Gedanken und es ist klar, Martin hat es geschickt verstanden die Menschen um ihn herum zu manipulieren und zu täuschen.
Als Leser leidet man von diesem Zeitpunkt an mit Irene, denn ihr Weltbild ist aus den Fugen. Hat sie als Mutter versagt, ist es möglich, dass ihr Kind zu so einer Tat fähig gewesen wäre. Hat sie ihren Mann überhaupt gekannt, war es möglich, dass er sich an Martin vergriffen haben könnte. Alles was sie weiss ist nicht wirklich sicher und natürlich sehen die Menschen in ihrer Umgebung auch nur das was sie sehen wollen - eine Mutter die die Augen vor dem Missbrauch ihres Kindes verschloss, oder eine Frau, die ein Monster aufzog, dass schon mit 14 Jahren die Untaten des Vaters perfektionierte.
Das Buch erzählt auf drei Ebenen oder Sichtweisen, zum einen aus der Sicht Irenes, dazwischen Sequenzen aus einem Brief, den Martins Freundin Tina an den im damaligen Mordfall ermittelnden Kommissar Schneider schreibt und immer wieder auch die Gedankenwelt Martins.
Das Buch beginnt mit dem Anfang von Tinas Brief an Kommissar Schneider, sie bittet ihn, auf ihren kleinen Bruder Benny aufzupassen und sie  schreibt sich, nach und nach, nachdem sie erkannt hat, mit wem und auf was sie sich eingelassen hat, ihre Geschichte von der Seele, wie sie Martin vor einigen Jahren kennengelernt hat, wie er sie damals vor Mitschülern beschützt hat und, dass sie nach Jahren zufällig Martin als Beschuldigten im Mordfall an den beiden Jungen im Fernsehen sieht, von Anfang an von seiner Unschuld überzeugt ist und zu ihm halten will, wie er damals zu ihr gehalten hat. Für Tina der Beginn einer Abhängigkeit, für ihren kleinen Bruder eine stete unsichtbare Bedrohung.
Irene rappelt sich nach einiger Zeit wieder auf und ist überzeugt, dass Martin der wahre Schuldige ist, dass ihr Leben weder aus Lügen noch aus Selbstbetrug bestand und zusammen mit dem damals ermittelnden Kommissar Schneider versucht sie Beweise gegen Martin zu sammeln, auch um ihren Sohn Jonas und ihren verstorbenen Mann von den Beschuldigungen zu entlasten. Ihre widersprüchlichen Gefühle werden sehr gut dargestellt.
(Leider) lernt man auch Martins Gedankenwelt näher kennen, er ist gefangen in seinen pädophilen und grausamen Phantasien und Isolde Sammer lässt den Leser, für meinen Geschmack schon fast grenzwertig, daran teilhaben. Nun bin ich geschriebenem Horror nicht abgeneigt, auch gegen blutige Thriller habe ich keine Einwände, aber die Gedanken, die einem (fast) erwachsenen Menschen in Bezug auf (in diesem Fall männliche) Kinder kommen, waren mir fast zu widerwärtig und ich weiss auch nicht, ob es sein muss, diesen Menschen, ganz egal wie abscheulich sie als Person auch präsentiert werden, eine Plattform für ihre zutiefst ekelhaften und abartigen Gedanken geben muss. Da wäre meiner Meinung nach wirklich weniger mehr gewesen.
\"Die Stille nach dem Schrei\" ist trotzdem spannend, auch wenn die Sachlage eigentlich klar ist - erst möchte man Irene sagen, sie soll ihre Zweifel vergessen und die Augen offen halten, dann Tina schütteln, denn wie blind kann ein Mädchen vor Liebe sein, dass sie sich auf einen Mann wie Martin einlässt, der ihr auch immer mehr von seinem \"wahren Ich\" zeigt.
Das Buch ist genretypisch eher einfach zu lesen, Irenes und die Geschichte ihrer Kinder wird von mehreren Seiten beleuchtet und als Leser weiss man stets immer etwas mehr als die verschiedenen \"Erzähler\".
Die Klischeedichte ist, obwohl das Buch eher in die Kategorie \"Frauenbuch\" einzuordnen ist, relativ gering. Die Charaktere sind gut und glaubwürdig angelegt und ausgearbeitet. Irene macht sich auf die Suche nach den Ursachen, was hat Martin zu dem werden lassen, was er heute ist. Tina liebt Martin bis zur Selbstaufgabe, nur ihr kleiner Bruder ist ihr letzter Halt und Bezug zur Realität.
Die Geschichte ist wahrlich abscheulich aber nicht künstlich und mit übertriebener Effekthascherei geschrieben, gerade deswegen, weil sie Realität sein könnte, ist sie so erschreckend. Wobei für mich da auch die Frage aufkommt, kann ein solches Thema zur (schnöden) Unterhaltung hergenommen werden - ich bin mir nicht wirklich sicher, aber das sollte jeder Leser für sich selbst entscheiden.
Das Ende ist, zwar im Gegensatz zum Rest des Buches deutlich schwächer, im Grunde genommen aber stimmig zum vorher Gelesenen, allerdings störten mich die (recht kurzen)  \"wissenschaftlichen\" Ausführungen, was einen Menschen zu einem \"Unmenschen\" machen kann - genetische Disposition, etc., ich hatte das Gefühl, dass Fr. Sammer mehr nach einer Rechtfertigung für sich selbst gesucht hat, warum sie solch drastische Gewalt (wenn auch nur literarisch) darstellt. Wenn es Erklärungen für den Ursprung solch unsozialen Verhaltens geben sollte, denke ich auch nicht, dass  es sinnvoll ist diese in einigen Worten in einem \"Roman\" abzuhandeln.

Isolde Sammer ist ein guter deutscher Psychothriller gelungen, jedoch hätten Martins Gedanken und Taten für meinen Geschmack etwas sensibler behandelt werden können und ist, durch die dargestellten pädophilen und auch brutalen Teile, nur bedingt weiter zu empfehlen.


Stahlfixx hat insgesamt 42 Rezensionen angelegt.


Die Suche nach der Wahrheit

30.11.2010 Bewertung:  4 coffee2go vergibt 8 von 10 Punkten

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Kurze Inhaltszusammenfassung:

Irene lebt in einem Albtraum: Ihr 19jähriger Stiefsohn Martin tötet ihren Sohn Jonas im Effekt, doch Irene zweifelt sehr an seiner Unschuld. Irene möchte dies beweisen  und ist auch dann noch von seiner Schuld überzeugt, als ihr Stiefsohn behauptet von seinem Vater missbraucht worden zu sein. Irene begleitet selbst die Aufrollung des Falles gemeinsam mit Kommissar Schneider.

 

Meine Meinung zum Buch:

Ziemlich am Anfang des Buches hatte ich leichte Schwierigkeiten mich in die einzelnen Charaktere hineinzulesen, da bis auf Tina, die Charaktere erst nach und nach genauer beschrieben wurden. Gut gefallen hat mir der Wechsel der Erzählperspektiven, vor allem die Sichtweise von Tina hat mich sehr berührt: Tina, die hin- und hergerissen war zwischen der Liebe zu ihrem kleinen Bruder und der Verehrung von Martin, für den sie fast alles zu tun bereit und dem sie gehörig war. Was im Laufe des Buches passieren wird, war eigentlich aufgrund der Inhaltsangabe und aufgrund der ersten Seiten im Buch schon relativ klar, trotzdem konnte die Spannung aufrecht erhalten werden.

 

Cover und Titel:

Das Cover mit dem Auge darauf, in dem eine Spiegelung abgebildet ist finde ich sehr ansprechend und originell gestaltet und auch der Titel ist stimmig mit dem Inhalt des Buches.

 

Fazit:

Ein äußerst gelungener Psychothriller, vor allem für ein Erstlingswerk erstaunlich ausgefeilte Ideen.


coffee2go hat insgesamt 62 Rezensionen angelegt.


Die Stille nach dem Schrei

14.08.2011 Bewertung:  4 zahnfee vergibt 8 von 10 Punkten

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Dieses Buch habe ich mir privat gekauft

Irenes Leben wird zum Albtraum, als ihr Sohn Jonas gewaltsam ums Leben kommt. Der Täter: Irenes siebzehnjähriger Stiefsohn Martin. Die Tat: im Affekt.


Angeblich wurde Martin Zeuge, wie Jonas einen kleinen Jungen ermordete. Auch behauptet Martin plötzlich, von seinem eigenen Vater jahrelang missbraucht worden zu sein. Das Gericht spricht Martin frei, doch Irene zweifelt an seiner Version. Sie will die Wahrheit um jeden Preis herausfinden. Erst recht, als Martin die Abiturientin Tina in seinen Bann zieht. Denn Irene ahnt, wozu ihr Stiefsohn fähig ist …

Die ist mal ein klassischer Psychoschocker.
Der Täter steht von Anfang an fest es gibt also keine klassische Tätersuche, das Buch wird in mehreren Perspektiven erzählt: Aus Martins Sicht, aus der Sicht von Mutter Irene, Ermittler Hanno und der von Martins Freundin Tanja, die den Hauptteil der Kapitel ausmacht.

Tanja ist schon lange verliebt in Martin und traut ihm diese Tat einfach nicht zu. Sie hält ihn für unschuldig und mit aller Macht an seiner Liebe fest, egal wie merkwürdig sich Martin auch aufführt. Sie leidet und liebt und er zieht sie immer tiefer in den Sog seines gestörten Hirns.
Die Mutter ist einfach nur verstört sauer und fühlt sich schuldig.
Das Thema ist sehr schwierig umzusetzen da allgemein bekannt ist, dass so etwas natürlich auch in der realen Welt vorkommt. Meiner Meinung nach ist diese Umsetzung der Autorin sehr gut gelungen, da sie den Leser tief verstört zurücklässt und ein Buch geschrieben hat an das man sich noch lange erinnert.Andererseits ist die Story durch die verschiedenen Blickwinkel so aufgebaut, das man ruhig weiterlesen kann ohne nur die abartigen Gedanken Martins zu erfahren, man erlebt auch andere Kapitel quasi als Beruhigung zwischendurch.

Die Stille nach dem Schrei erlebt Tina nachdem sie den ersten Mord ihres Freundes miterlebt.Und langsam wird ihr trotz der Hörigkeit zu Martin klar, dass sie einen kleinen Bruder hat, den sie sehr liebt und das dieser genau in Martins Beuteschema passt.
Von Martin erfährt man das er empatisch ist, also keine Gefühle empfinden kann. Dieser Charakter ist erschreckend detailliert ausgearbeitet und für den Leser, der normal empfindet , absolut grotesk. Man erfährt über die Manipulationen und auch ganz genau was Martin wirklich über Tina denkt, das fand ich sehr traurig.
Die Autorin schreibt  flüssig und ihre Figuren sind sehr einprägsam beschrieben, das Buch und die Geschichte sind sehr realitätsnah gehalten.
Mich hat dieses Buch sehr bewegt.
Ein klasse Debüt !


zahnfee hat insgesamt 16 Rezensionen angelegt.


 
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