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Historischer Roman: Isenhart
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Titel:      Isenhart
Kategorien:      Historischer Roman
BuchID:      2144
Autor:      Holger Karsten Schmidt
ISBN-10(13):      3462043323
Verlag:      Kiepenheuer & Witsch
Publikationsdatum:      2011-09-15
Edition:      1., Auflage
Number of pages:      806
Sprache:      Deutsch
Bewertung:     

4.5 
Bild:      cover           Button Buy now



   


Rezensionen
Ein Plädoyer für die Emanzipation des Geistes

26.09.2011 Bewertung:  4.5 Nordlicht vergibt 9 von 10 Punkten

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Holger Karsten Schmidt - Isenhart

Zum Inhalt:

Isenhart steht \"außerhalb seiner Zeit\". Schon bei seiner Geburt erweist er sich als etwas Besonderes. Er kommt mit der Nabelschnur um den Hals blau angelaufen zur Welt und wird für tot gehalten. Ein mysteriöser Fremder erweckt ihn wieder zum Leben, indem er ihm seinen Atem (und einen Teil seiner Seele?) einhaucht. Für die Menschen des 12.Jahrhunderts ein unerhörter Vorgang, der dafür sorgt, dass der Junge mit Misstrauen betrachtet wird. Er wird dem Schmied Chlodio auf der Burg Laurin zur Aufzucht übergeben, darf aber gemeinsam mit Konrad, dem Sohn des Burgherrn, dessen Unterricht teilen und erhält dadurch Zugang zu einer Bildung, die ihm zur Zeit einer strengen Ständegesellschaft sonst verschlossen geblieben wäre. Isenhart fällt durch besondere Intelligenz und geistige Frühreife auf. Mit Pater Hieronymus, seinem geistlichen Erzieher, gerät er deshalb immer wieder aneinander, weil er hinterfragt, statt Wissen wiederzukäuen. Sein zweiter Lehrer und Mentor, Walther von Ascisberg reagiert dagegen aufgeschlossen auf Isenharts Wissensdurst und ermutigt ihn, sich seines Verstandes zu bedienen. Mit Konrad verbindet Isenhart eine tiefe Freundschaft, obwohl Konrad ihm auf seinen geistigen Höhenflügen nicht folgen kann. Aber er ist loyal und steht für Isenhart ein. Zu Konrads Schwester Anna pflegt Isenhart eine heimliche Liebesbeziehung, bis Anna eines Tages grausam ermordet wird. Konrad und Isenhart sind fest entschlossen, den Mörder zur Strecke zu bringen. Die Jagd auf den Täter, der weitere Opfer auf dem Gewissen hat, führt die beiden jungen Männer bis nach Toledo zum \"Bazar des Wissens\", wo Isenhart auch Aufschluss über das dunkle Geheimnis seiner Herkunft zu finden hofft.
Die Suche nach Annas Mörder gestaltet sich jedoch nicht als geradliniges Unternehmen, vielmehr ist Isenhart immer wieder mit wissenschaftlichen Dingen beschäftigt, um sein Wissen zu mehren. Alles interessiert ihn: Mathematik, Physik, Medizin, Philosophie. Besonders hat es ihm der Traum vom Fliegen angetan. Als er bei der Untersuchung eines weiteren Mordfalls zufällig Henning von der Braake, den Sohn eines Arztes kennengelernt hat, hat Isenhart einen Gefährten gefunden, der ihm an Intelligenz und Wissensdurst ebenbürtig ist und ihm in die Sphären folgen kann, die Konrad verschlossen bleiben. Gemeinsam erforschen Isenhart und Henning verbotene Dinge und geraten in Konflikt mit der Kirche...

Meine Beurteilung

Nach dem Klappentext könnte man einen historischen Krimi erwarten, diese Erwartung ist jedoch irrig. Die Krimihandlung steht nicht im Vordergrund der Handlung und wird auch nicht so zielstrebig vorangetrieben, dass der passionierte Krimileser auf seine Kosten kommt.
Der Roman schildert vorrangig den Konflikt von Menschen, die den Kadavergehorsam gegenüber der Kirche ablehnen und sich ihre eigene Meinung bilden wollen. Isenhart und Henning sind ein paar Jahrhunderte zu früh geboren und hätten besser in das Zeitalter der Aufklärung gepasst. Die meisten ihrer Zeitgenossen können nicht verstehen, was sie umtreibt und warum sie im Interesse wissenschaftlichen Fortschritts Wege beschreiten, die moralische Fragestellungen aufwerfen und sie in Lebensgefahr bringen. Die kritische Infragestellung von Kirche im Besonderen und überkommenen Autoritäten im Allgemeinen in diesem Buch kommt auch in dem Zitat von Victor Hugo zum Ausdruck, das der Autor dem Roman nachgestellt hat:
\"In jedem Dorf gibt es eine Fackel, den Lehrer, und jemanden, der dieses Licht löscht, den Pfarrer.\"

\"Isenhart\" ist ein beeindruckender Roman, der viele Wissensgebiete streift und mit seinem nicht immer geradlinigen Handlungsverlauf nicht schnell herunterzulesen ist. Über einen gewöhnlichen Historienroman geht dieses Buch weit hinaus und man benötigt Zeit und Konzentration, um sich ganz darauf einzulassen. Der Autor hat gründlich recherchiert, als besonderen \"Leckerbissen\" serviert er dem Leser in den Text eingebundene Erklärungen, wie es zu bestimmten heute noch gebräuchlichen Redewendungen kam (\"Alles in Butter!\"), die einen ganz konkreten Ursprung haben.
Das Einzige, was ich persönlich vermisst habe, ist ein Verzeichnis einiger historischer Persönlichkeiten (arabische Gelehrte), die vermutlich den meisten deutsche Lesern unbekannt sind und deshalb Extra-Recherchen erfordern.

Fazit: \"Isenhart\" ist keine leichte Lektüre, sondern ein vielschichtiger Roman, der dem Leser Durchhaltevermögen abverlangt. Besonders für (kirchen)kritische Leser ist das Buch ein Genuss und unbedingt empfehlenswert. Für mich ist es eins der Highlights des Jahres 2011. \":thumleft:\"


Nordlicht hat insgesamt 44 Rezensionen angelegt.


Die Gedanken sind frei

27.09.2011 Bewertung:  5 antjemue vergibt 10 von 10 Punkten

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Vor einigen Wochen sah ich die Ankündigung eines historischen Romans bei vorablesen.

Die Kurzbeschreibung

„Ein Serienmörder im hohen Mittelalter. Der junge Schmied Isenhart versucht ihm als früher »Profiler« auf die Spur zu kommen – und zugleich dem Geheimnis seiner eigenen Existenz. Ein umwerfend spannender Roman aus einer Zeit, in der der freie Geist mit Denkverboten rang – und die uns gar nicht so fern erscheint.“

und der Klappentext

„Anno Domini 1171. Isenhart stirbt bei der Geburt. Und wird wieder zum Leben erweckt. Der wissbegierige Junge, der irgendwie »anders« ist, wächst als Sohn eines Schmieds auf der Burg Laurin bei Spira auf. Zusammen mit Konrad, dem Stammhalter des Hauses Laurin, erhält er Zugang zu einem ungeheuren Privileg: Bildung. Isenharts Welt bricht entzwei, als seine heimliche Liebschaft, die Fürstentochter Anna von Laurin, barbarisch ermordet – und ihr das Herz geraubt – wird. Der Mörder ist schnell gefasst und gerichtet. Doch dann ereignet sich ein weiterer Mord nach identischem Muster. Isenhart und Konrad machen sich auf, den Serienmörder mit den forensischen Mitteln ihrer Zeit zur Strecke zu bringen. Die Jagd führt sie bis ins ferne Iberien, in den »Basar des Wissens« von Toledo, wo freie Geister aus Morgen- und Abendland sich austauschen. Dann findet Isenhart in einem dunklen Gewölbe nie gesehene anatomische Zeichnungen des menschlichen Herzens …“

zu „Isenhart“ von Holger Karsten Schmidt interessierten mich. Leider verpasste ich jedoch den Zeitpunkt, zu dem man für die Leseprobe einen Eindruck hinterlassen kann und in den Lostopf für Rezensionsexemplare kommt. Aber ich bekam eine zweite Chance. In einem meiner Lieblingsbücherforen wurde eine Leserunde zu dem gerade erschienenen Buch angesetzt, bei der ich mich bewarb und das Glück hatte, eines der 25 Testleseexemplare zu gewinnen.

Der Autor

war mir bis dato unbekannt. Vor dem Eintreffen des Buches las ich mir im Netz noch ein paar Informationen über ihn an. Holger Karsten Schmidt wurde 1965 in Hamburg geboren. Erst studierte er in Mannheim Germanistik und Politikwissenschaft. Von 1992–1997 folgte noch ein Drehbuchstudium an der Filmakademie Baden-Württemberg.

Seit vielen Jahren zählt er zu den erfolgreichsten Drehbuchautoren Deutschlands. 2010 waren drei Filme für den Adolf-Grimme-Preis nominiert, zu denen er das Drehbuch schrieb. Für »Mörder auf Amrum« erhielt er die Auszeichnung.

„Isenhart“ ist Holger Karsten Schmidts Romandebüt und wurde inzwischen auch schon verfilmt. Aber so richtig glücklich ist der Autor mit dem Filmergebnis nicht.

War damals alles anders?

Im Jahre 1171 wird ein Kind geboren und weggeworfen, weil durch die Nabelschnur erstickt. Plötzlich erscheint ein Fremder, der dem Kind seinen Atem einhaucht und es damit wieder belebt. Das kann nur Hexerei sein. Ein weiterer Mann – Walther von Ascisberg - erscheint, der das Kind zu töten versucht, ihm dann aber auch seinen Atem einhaucht und es mit zur Burg von Sigimund von Laurin nimmt, mit der Bitte an den Burgherren, seinen besten Freund, dem Kind das gleiche Privileg der Bildung zukommen zu lassen, wie dem eigenen Sohn …

So beginnt die Geschichte um Isenhart, den Titelhelden, der seinen Namen erst bekam, als er, das schwächliche Neugeborene mit dem großen Lebenswillen, den ersten Winter überstand. Eisenhart würde ich es übersetzen. Im doppelten Sinne gültig. Denn das Kind über dessen Herkunft der Burgherr all seinen Untergebenen Stillschweigen abringt, hat nicht nur den harten Winter überstanden, sondern seine Pflegeeltern sind auch der Schmied und seine Frau.

Ich erlebe das Aufwachsen des Jungen, der in seiner Familie einerseits schon in sehr jungen Jahren das Schmiedehandwerk mit erlernen muss, andererseits, durch die Fürsprache von dem adligen Freigeist Walther von Ascisberg, auch unterrichtet wird. Zum Einen von dem gottesfürchtigen Geistlichen Vater Hieronymus, der wie man als aufmerksamer Leser erfährt, selbst auch nicht ohne Fehl und Tadel ist, und seinen Unterricht unerbittlich mit dem Rohrstock führt. Zum Anderen auch von Walther von Ascisberg selbst, der sehr schnell den Wissendurst seines ungewöhnlich begabten Schülers erkennt und diesen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln fördert, ohne dem anderen, anders interessierten Schüler dabei auf die Füße zu treten.

Aber ich erlebe auch, den Beginn einer lebenslangen Freundschaft zwischen zwei Charakteren, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Gerade bei Isenhart und Konrad wird dem Leser vor Augen geführt, wie man mit gegenseitigem Verständnis die Stärken eines Menschen erkennen, die Fehler und Schwächen akzeptieren und tolerieren kann. Ich möchte dem interessierten Leser nicht allzu viel von der Handlung verraten, in jedem Fall beeindruckte mich, wie die beiden über die gesamte Handlungsdauer der Geschichte, das sind immerhin 30 Jahre, immer wieder, trotz teilweise nicht unerheblichen Differenzen, füreinander einstehen.

In seinem sprachlich der handelnden Zeit angepassten und trotzdem leicht und flüssig lesbarem Schreibstil führt mich der Autor ins Mittelalter. Ich kann mir die Burgen, Dörfer und Städte mit ihren Bewohnern, ob Herren oder Knechte, bildhaft vorstellen und fiebere von Beginn an mit dem so klugen Isenhart, der schnell mitbekommt, dass er anders ist als Andere und dass seine vielen Fragen und Schlussfolgerungen nicht immer gern gesehen werden und für ihn und sein Umfeld sogar sehr gefährlich sind. Ist es anfangs nur Vater Hieronymus, der ihn mit seinem Rohrstock straft und damit die Doktrin der katholischen Kirche repräsentiert, steht er später gar vor einem kirchlichen Gericht.

Als er sich zum ersten Mal verliebt, wissen sowohl er, als auch die Angebetete, dass sie eigentlich keine gemeinsame Zukunft haben. Trotzdem treffen sie sich heimlich, wieder und wieder. Doch die Liebe findet ein jähes und grausames Ende. Isenhart ist von dem Zeitpunkt an beseelt, den Mörder zu finden und bestraft sehen zu wollen. Doch nicht nur das treibt ihn um. Auch sein stetiger Drang alles zu hinterfragen, logische Schlussfolgerungen zu ziehen und bahnbrechende Entdeckungen zu machen, erleichtern ihm das Leben in der Gesellschaft des Mittelalters, die in der Zeit der Kreuzzüge mehr und mehr von der katholischen Kirche beherrscht wird, nicht unbedingt.

In Henning von Braake scheint er endlich einen Seelenverwandten gefunden zu haben, mit dem er sich auf gleicher Ebene austauschen kann. Dies wiederum stellt die Freundschaft zu Konrad immer mal wieder auf die Probe. Trotzdem ist es Konrad, der ihn auf seiner Reise bei der Suche nach seinen Wurzeln begleitet. Eine für die Protagonisten beschwerliche und für den Leser unheimlich spannende Reise, eine Reise auf der Isenhart und sogar Konrad neue Erkenntnisse gewinnen.

Holger Karsten Schmidt hat mit seinem Debüt einen historischen Roman geschaffen, den ich mit stets wachsender Begeisterung gelesen habe. Der bereits im Klappentext angedeutete Kriminalfall nahm dabei eigentlich nur einen kleinen Teil der Geschichte ein. Obwohl er schon den Rahmen der Handlung bildete, macht die Gesamtheit, die geschichtlich wahnsinnig gut recherchiert und damit richtig stimmig wirkt, sehr viel mehr aus.

Das Leben der Menschen dieser Zeit wird sehr real und keinesfalls – wie so oft in diesem Genre – verklärt dargestellt. Gemeinsam mit den Protagonisten erlebte ich ganz schreckliche, aber auch wunderschöne Situationen. Gekonnt ließ der Autor immer wieder mal Sprichwörter einfließen, die noch heute – kaum hinterfragt - im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet werden und erklärte situationsbedingt ihre Bedeutung. Es ist aber das Zusammen- oder auch Gegenspiel der Charaktere, was die größte Faszination in diesem Roman auf mich ausübte. Das Wiedererkennen von Strukturen im menschlichen Verhalten, die, obwohl Zeit und Fortschritt in der Lebensqualität viel geändert haben, heute doch noch immer die gleichen sind.

Für mich war das Lesen des Buches ein Genuss. Ich kann es hundertprozentig weiter empfehlen.


antjemue hat insgesamt 45 Rezensionen angelegt.


Mehr als ein Mittelalter-Thriller

22.03.2012 Bewertung:  4 smayrhofer vergibt 8 von 10 Punkten

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Heiliges Römisches Reich im Jahre 1171: Bei der Geburt stirbt das neugeborene Kind einer nicht näher benannten Frau. Es wird von einem mysteriösen Fremden wiederbelebt, dann vom Ritter Walther von Ascisberg erst getötet und von diesem erneut wiederbelebt. Isenhart - so wird der Knabe fortan genannt - wächst auf der Burg von Laurin heran und genießt wie Konrad, dem Sohn des Fürsten, das Privileg einer umfassenden Bildung. Schon bald bemerken seine Lehrmeister, dass Isenhart außergewöhnlich wissbegierig ist und Fragen stellt, die so gar nicht in diese Zeit passen. Zu allem Überfluss beginnt Isenhart eine Beziehung mit der Fürstentochter Anna, die im Jahre 1189 auf bestialische Art ermordet wird. Isenhart schwört Rache. Bald wird ein Verdächtiger geschnappt und mit Hilfe eines fragwürdigen Gottesurteils zum Tode verurteilt. Isenhart kommen schon sehr bald Zweifel. Und tatsächlich geschieht einige Jahre später ein ähnlicher Mord, die Jagd geht also weiter.

Der Einstieg in diesen Roman fiel mir etwas schwer, aber schon nach wenigen Seiten war ich gefesselt von den Figuren und der Atmosphäre des Mittelalters. Obwohl das Buch laut Werbung und Klappentext als Mittelalter-Krimi oder –Thriller angepriesen wird, ist es doch sehr viel mehr. So stellt sich bei der Jagd nach dem Mörder schon bald die Frage nach dem Warum; und Isenhart erkennt, dass hier kein Wahnsinniger am Werk ist, sondern jemand, der ebenso wie er auf der Suche nach Wahrheit ist. Aber in einer Zeit, in der die Macht der Kirche noch ziemlich ungebrochen ist und Fragen nach den größeren Zusammenhängen lapidar mit „Gottes Wille“ erklärt werden, birgt die Suche nach Wahrheit oftmals große Gefahren.

Alles in allem ein packender Roman mit einem flüssigen Schreibstil, der einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt. Personen und ihr Handeln werden sehr vielschichtig und detailliert dargestellt. Zahlreiche Wendungen geben der Geschichte noch einen gewissen „Kick“. Lediglich einen kleinen Punktabzug gibt für die manchmal etwas unplazierten Rückblenden, von denen man die eine oder andere auch chronologisch in den Handlungsablauf hätte einbringen können.


smayrhofer hat insgesamt 13 Rezensionen angelegt.


 
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