Interview mit Joachim Seidel (Autor)

joachim seidel HimbeertoniJoachim Seidel, selbst Ex-Punk der ersten Stunde, arbeitete bei GALA, kolumnierte seitenlang komische Geschichten in der Frankfurter Rundschau, war in den 1980ern Chefredakteur u.a. des Magazins MALER, Leben, Werk und ihre Zeit und strich als Drehbuchautor Förderungen vom Hamburger Filmbüro ein. Joachim Seidel lebt in Hamburg, hat eine Tochter, einen Sohn und einen Kleingarten direkt an der Alster. 1979 nahm er eine der legendärsten Punk-Singles in Deutschland auf (Remo Voor, »Toilet love«), die 2009 in den USA wiederveröffentlicht wurde.

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Hallo Joachim, vielen Dank, dass Du Dir Zeit für das Interview nimmst.

Heyho, gerne …

Dein beruflicher Werdegang ist ziemlich beeindruckend, Punk-Musiker, Kolumnist, Chefredakteur und Drehbuchautor. Wie passt das denn alles zusammen?


Das hört sich spektakulärer an als es ist, für mich geht das in Ordnung, weil viel fürs Leben gelernt, aber sagen wir mal für 'nen Personalchef des heute manifestierten Hamsterlaufrad-Systems sieht das Ganzes wohl eher wie die brüchige Vita eines Mannes, der keinen Plan hat, also nicht so recht weiß, was er eigentlich will im Leben. Aber gut, auf Rattenrennen habe ich  eh keine Böcke. Dann mal der Reihe nach: 1972 Bezirksmeister im 75-, Kreismeister 600 Meterlauf, dann Rauchen angefangen und Gitarrenstunden bei Matthias Reim (ja der), auch 1972 Kreismeister im Vorlesen beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, da hatte ich also früh Blut geleckt, dann lange Zeit nix, ab 1977 Punkmusiker, weil das wollte ich schon ab 16 sein, hat ja dann auch gut geklappt mit Remo Voor (gibt  ne klasse myspace-Seite mit Gratis-downloads) und viel Spaß gemacht, unsere Mördersingle "Toilet love" in Berlin aufgenommen, Abitur 2,7, anschließend auf dem Bau gearbeitet, Gerüste aufgebaut, Hauswände verputzt, ziemlich anstrengend, also überlegt, was kannste denn noch? Irgendwas mit Mathe geht gar nicht, also schreiben. Deutschlandweit beworben, Volontariat in Nordbayern gekriegt, na toll, aber viel gelernt, danach als gelernter Redakteur nach Berlin und keine Zeile mehr geschrieben, stattdessen gemuckt, wir hatten ein Trio am Start (Punk, Glamrock, Metal) namens Smash Palace mit dem alten Schlagzeuger Seidel_HimbeertoniBuchtitelzusammen, der vor der Army nach Berlin geflüchtet war. Dann total pleite und ab nach Hamburg als Redakteur, und dann war ich 1986 Leiter der Radaktion MALER, zwischendurch und danach immer wieder Bands und Anfang der 90er dann mit Drehbuchschreiben begonnen, Buch massiv gefördert von der Hamburger Filmförderung, ich also Job geschmissen, nur noch an Drehbüchern rumgedengelt, Optionen verkauft, zig mal umgeschrieben, aber nie verfilmt, dann wieder pleite und bei GALA angeheuert als Schluss-Textknecht, hat mich erst mal gerettet, danke GALA, dann 'nen Angebot gekriegt als Redaktionsleiter bei nem englischen Verlag für die Hamburger Dependance, die nach 2 Jahren geschlossen wurde. Zum ersten Mal Vater geworden. Seitdem arbeite ich frei, habe dann auch u .a. lustige Kolumne für die Frankfurter Rundschau geschrieben … und mit "HimbeerToni" begonnen, ganz richtig …


Du hast auch für die „Gala“ gearbeitet, die sich doch sehr stark mit der snobistischen Gesellschaft beschäftigt. Gerät man als Ex-Punk da nicht in einen Gewissenskonflikt?

Als Schlussredakteur musste, egal, ob bei der atz oder GALA, darauf achten, dass im Heft dann "Disco" steht und nicht "Disko", aber "Diskothek" und nicht "Diskothek" oder dass da "Furcht einflößend" gedruckt steht,  aber "furchterregend" eigenartigerweise zusammen geschrieben wird, es geht also um korrektes Deutsch, das Abchecken von Namensschreibungen und Altersangaben und weniger um snobistische Gesellschaftsfragen, wobei die deutsche Rechtschreibung an sich, siehe genannte Beispiele, schon recht snobistisch daherkommt.


Mit „HimbeerToni“ hast Du jetzt Deinen ersten Roman veröffentlicht, eine Geschichte, die sich humoristisch mit den Themen Liebe,  Drogen, Sex und dem Peter Pan-Syndrom beschäftigt.
Wie viel autobiographisches steckt in dem Buch?


20 bis 23 Prozent maximal, aber ich beobachte meine Umwelt gerne eingehend.


Bereust Du es erwachsen geworden zu sein?

Nöö.

Was hat Dich veranlasst das Buch zu schreiben?

Ich wollte die ganze Boy meets Girl-Geschichte mal anders zeigen. Das musste einfach raus …

Wie lange hast Du für die Fertigstellung benötigt?

Von der ersten Zeile bis zur Veröffentlichung mehr als sechs Jahre.

Dein Buch enthält sehr viele humoristische Passagen, gab es Testleser/Zuhörer, an denen Du die Wirkung ausprobiert hast?

Joachim SeidelErste Testlesung war eine Art Hochzeitsgeschenk für einen Freund, ich habe das Geburtshauskapitel gelesen, und der Saal lag flach, und nen Kind haben die beiden aber bis heute nicht.

Wie geht es weiter, war „HimbeerToni“ ein einmaliger Ausflug in die Romanwelt oder ist der Erfolg eine Motivation für weitere Bücher?

Was denn für ein Erfolg? "HimbeerToni" ist ja nach wie vor 'n kleines Taschenbuch, das sich "durchfrisst", und natürlich geht's weiter, sind ja noch ein, zwei Fragen offen … aber mehr darf ich noch nicht verraten. Der geneigte Leser/in wird aber schon wissen, was gemeint ist, die meisten engmaschig gestrickten  Handlungsstränge sind ja korrekterweise aufgedröselt am Ende des Buches, aber was passiert eigentlich mit … und ein, zwei weitere Plotpoints wollen ja weitergesponnen sein.

Du bist auf Facebook sehr aktiv, wie wichtig sind die sozialen Netzwerke für einen Autor?

fb, Twitter, myspace sind für mich wichtig, HimbeerToni-Fans sind da  auch dankbar für, ich mach das ja alles selber, also den ganzen Kram wie Lesungsankündigungen, Verweise auf HimbeerToni-podcasts, lustige HimbeerToni-Videos mit Ulla Bowski oder derwahnsinnig unterhaltsame  Dreh bei www.erlesen.tv , Interviews, Rezensionen, das ganze Programm eben. Und wer's nicht mag, der kann ja gerne weiter klicken.

Kannst Du Dir eine Verfilmung von „HimbeerToni“ vorstellen, gibt es vielleicht sogar schon Angebote?

Kann ich mir gut vorstellen, ebenso Hörspiel, Theaterstück, alles denkbar. Angebote gerne an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Welche Schauspieler würdest Du gerne in den Hauptrollen sehen?

Zu gerne Ina Müller als Ada, Jasmin Tabatabai als Judith, Bela B. ganz klar als Holgi, Christoph Maria Herbst als Hauptfigur Anton Hornig, Lotto King Karl als Kurtchen, im Film ganz klar Markus Maria Profitlich als Herr Blümchen, im Hörspiel gerne Old Erwin von Radio "Punk'nStein" als Altpunk-Bäcker auf Abwegen …

Machst Du noch aktiv Musik und welche Rolle spielt Musik bei Deiner Arbeit?

Im Moment steht die Live-Musik ein bisschen hinten an, obwohl bei den Lesungen ja meistens mindestens ein weiterer Gitarrist mit am Start ist, und auch wenn Klaus und Dieter nicht können,  läuft ja sowieso  immer vorweg und remo-cdzwischendurch und danach alte Punk-Mucke, jedes Kapitel im Buch ist ja mit einem Song überschrieben, und "Isle of nowhere" von meiner letzten Kapelle SoulShelter spiele ich ja ohnehin live auch alleine, ebenso "Toilet love" die Punk-Single aus dem Roman, die ja letztes Jahr in den USA nochmals bei Rich bitch Records erschienen ist.

Welche Alben sollten in keiner Musiksammlung fehlen?

Teenager Fanclub und zwar alles, die neue CD "Shadows" ist einfach groooßartig.

Welche Bücher nimmt Joachim Seidel mit in den Urlaub?

All you can read von Nick Hornby, Feindesland, Oliver Buschmann, Eine zu 85 % wahre Geschichte, Chuck Klostermann, Als wir unsterblich waren, Tony Parsons, "Just Kids" von P. Smith und Julian Dawsons "Nicky Hopkins" müssen leider zu Hause bleiben …

Sehen wir uns auf der Frankfurter Buchmesse?

Wenn ich ne Einladung kriege, gerne, ansonsten ist ab Herbst wieder Schreiben angesagt, und natürlich 'n paar Lesungen wird's zu der Zeit auch geben.

Beschreibe Dich selbst mit 5 Worten.

Das sollen bitte andere übernehmen


Gibt es irgendetwas, das Du schon immer tun wolltest, aber bisher hat Dir die dazu Gelegenheit gefehlt?

Ich will mir irgendwann endlich ne Jukebox zulegen, in die ich meine Punksingles packe.

Welche Pläne hast Du für die Zukunft? Willst Du weiterhin im Literatur-/Journalismussektor arbeiten oder steht etwas komplett anderes an?

Schreiben ist schon okay, mache ich ja eh jeden Tag, aber man weiß ja nie, was noch so alles um die Ecke kommt.

Wir bedanken uns für das Interview und wünschen Dir für die Zukunft alles Gute.

Bidde sehr, ebenso und gern geschehn.

 

 

Interview (c) Jester, Joachim Seidel, Rezi-Online


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