Interview mit Danielle Trussoni (Autorin)

trussoniDanielle Trussoni wurde 1973 in Wisconsin geboren und beschloß bereits im Alter von 6 Jahren, Schriftstellerin zu werden. Deshalb befragte sie die Mitglieder ihrer Familie über deren Leben und schrieb die Antworten auf.
Seit den späten 1990er Jahren veröffentlichte sie regelmäßig in Zeitschriften wie z.B. dem New York Times Magazine und dem Telegraph Magazine. Im Jahr 2006 erschien ihr erster Roman "Falling Through The Earth", den die New York Times unter die besten 10 Bücher des Jahres wählte. Sie ist begeisterte Köchin und liebt Wein. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem bulgarischen Autor Nikolai Grozni, und ihren beiden Kindern lebt sie meist in Frankreich, aber die Familie reist viel und lebt auch immer wieder in den USA und in Bulgarien. Derzeit laufen die Vorbereitungen für die Verfilmung von "Angelus", die Filmrechte wurden bereits an Sony vergeben. Lt. offizieller Website steht als Produzent bereits Overbrook Entertainment fest, die Produktionsfirma des Superstars Will Smith.

 

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Du hast eine Zeit lang in Japan gelebt und wohnst nun teils sowohl in den USA als auch in Frankreich. Oft reist Du auch mit Deiner Familie nach Bulgarien, wo Dein Mann herstammt. Bist Du an manchen Orten kreativer und fällt es Dir leichter zu schreiben als an anderen Orten? Oder gibt es ein Arbeitsumfeld und ein Leben neben der Arbeit, ganz gleich, wo Du gerade bist?


Ich habe das Reisen schon immer geliebt und bin tatsächlich im Ausland kreativer als daheim. Aus irgendeinem Grund hilft mir die Veränderung beim Schreiben. Möglicherweise schätze ich meine eigene Sprache mehr, sobald ich von einer fremden umgeben bin. Ein Fremder zu sein hat eine gewisse Leichtigkeit und manchmal fühle ich mich sogar in meinem Heimatland fremd. Aber egal, wo ich mich aufhalte, gibt es ein Büro und einen strengen Arbeitsplan also ja, ich habe überall einen Arbeits- und einen Platz zum Leben.


Dein Mann und Du habt Euch einen strengen Arbeitsplan aufgestellt. Wie genau funktioniert der? Und wie reagiert Ihr beide auf Abweichungen von diesem Plan?


Mein Mann, der Schriftsteller Nikolai Grozni (www.nikolaigrozni.com) und ich haben beide unser eigenes Büro zu Hause und wir beide schreiben jeden Morgen zwischen ca. 9 und 13 Uhr. Dieser Ablauf ist sehr wichtig für uns beide, da wir beide besser schreiben, wenn eine gewisse Routine herrscht. Ich z.B. reagiere überhaupt nicht gut auf Abweichungen in meiner Schreib-Routine. Gerade war ich auf einer dreiwöchigen Promotion- und Lesetour und konnte überhaupt nicht arbeiten, weil ich aus dieser Routine herausgerissen war. Das Schreiben ist für mich wie Meditation und ich bin sehr konzentriert und fast schon ehrerbietig, was all die Prozesse und kleinen Rituale angeht, die zu meinem Schreiben gehören.
Als Du an “Angelus” gearbeitet hast, bist Du für die Recherche zu all den Schauplätzen gefahren, über die Du geschrieben hast (Paris, die Rhodopen, Kloster, das Museum für Moderne Kunst in New York)?
Ja, ich habe all diese Schauplätze besucht. Es hilft mir so sehr, die Stimmung und die Einzelheiten einzufangen, wenn ich tatsächlich vor Ort war.


Als Du mit dem Schreiben von “Angelus“ begonnen hast, wußtest Du da schon, wie das Buch ausgeehen würde oder war es ein Prozeß mit offenem Ende und einem Schluß, der überraschend war, vielleicht sogar für Dich?


Nein, ich wußte wirklich nicht, wie die Geschichte ausgehen würde und ich habe viel geändert und umgeschrieben, um das Ende sowohl überraschend als auch unausweichlich zu machen, nachdem ich entdeckt hatte, wie der Roman enden würde.


Würdest Du Dich selbst als religiös bezeichnen? Dein Roman enthält einige ziemlich radikal klingenden Ansichten und ich stelle es mir schwierig vor, so etwas niederzuschreiben, ohne sich selbst auf einem sehr persönlichen Niveau damit auseinanderzusetzen.


Auf eine sehr unorthodoxe Art und Weise bezeichne ich mich schon als religiös, ja. Mein Mann zum Beispiel  hat vier Jahre lange als buddhistischer Mönch in Indien gelebt und ich selbst bezeichne mich als Schülerin des Buddhismus. Ich wurde katholisch erzogen und habe einen sehr stabilen und durch die Familie christlich geprägten Hintergrund, der unmöglich komplett außen vor bleiben kann. Aber ich bin keine Kirchengängerin und identifiziere mich derzeit mit keiner bestimmten Religion. Man könnte auch sagen, ich bin immer noch auf der Suche.


Orpheus, die Lyra, Engel in den Bergen Bulgarien, gefangen genommen vor tausenden von Jahren… war es schwierig, eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen, zu Evangeline und Verlaine?


Über die Vergangenheit zu schreiben war toll – und dieser Roman ist voll von historischen Szenarien, aber ich habe auch sehr gerne über Verlaine und Evangeline geschrieben. Sie sind Held und Heldin meiner Geschichte und ich hatte sehr viel Spaß mit ihnen.


Dein nächster Roman wird eine Fortsetzung zu „Angelus“ sein und den Titel „Angelopolis“ tragen (noch kein dt. Titel bekannt). Werden wir Evangeline wiedertreffen? Wohin wird die Geschichte sie und die Leser tragen – und vor allem wann?


Evangeline and Verlaine sind beide in “Angelopolis” wieder dabei und es wird sich eine Liebesgeschichte entwickeln. Ich habe mit dem Schreiben bereits begonnen und hoffe, in einem Jahr oder so fertig zu sein; das Buch würde dann 2012 erscheinen.


"Angelus” ist komplett anders als Dein erster Roman “Falling Through The Earth”, der in Deutschland bisher nicht erschienen ist. War der Prozeß des Schreibens ebenso verschieden oder gibt es schon Parallelen? (Für die dt. Leser wäre es toll, wenn Du etwas zu „Falling Through The Earth“ sagen könntest).


Bei  “Falling Through the Earth” handelt es sich um eine Denkschrift, um Erinnerungen und die Beziehung zu meinem Vater, der ein Veteran des Vietnamkrieges war. Es ist ein sachlicher Blick auf die Art, wie der Krieg meine Familie trussoniverändert hat und es war ein sehr schwieriges und emotionales Buch für mich. „Angelus“ zu schreiben war natürlich ganz anders. „Falling Through The Earth“ ist ein Roman darüber, viel auf engem Raum zusammenzubringen, während „Angelus“ ein sehr weitführendes Werk ist, das vom Bulgarien des 10. Jh. über das Paris zu Zeiten des 2. Weltkrieges bis hin zum heutigen New York reicht. Und natürlich hat das Schreiben an „Angelus“ auch viel mehr Spaß gemacht…


In dem Buch vermischen sich verschiedene Stilrichtungen: Fantasy, Geschichte, Mythologie, Theologie/Religion und Krimi. Welches Genre magst Du am meisten?


Alle! Mir ist keines am liebsten, ich lese sehr gerne Geschichten all der Genres, die Du gerade aufgezählt hast. Und so ist es eigentlich nur logisch, daß ich alles in meinem eigenen Roman vermische und versuche, es zu einem Von-allem-ein-bißchen-Roman zu machen. Meine erste große Liebe ist die Romanliteratur des 19. Jahrhunderts: Wilkie Collins, Jane Austen, die Bronte-Schwestern. Außerdem lese ich sehr gerne über die Geschichte der Religion(en).


Was liest Du im Moment?


Gerade lese ich Gedichte von Anne Carson: “Autobiography of Red”. (Anm.: Dabei handelt es sich um einen Roman in Versform, in Deutschland bisher nicht erschienen) Und dann lese ich noch die Entwürfe von Nikolais neuestem Buch, das „Wunderkind“ heißen wird; darin geht es um Wunderkinder-Pianisten.


Herzlichen Glückwunsch zur Film-Version von „Angelus“, die bereits in Planung ist. Hast Du ein Wörtchen mitzureden bei der Wahl der Darsteller oder hört man zumindest Deine Ratschläge an?

 

Nein, ich habe überhaupt kein Mitspracherecht.


Aber selbst wenn nicht: welche Schauspieler würdest Du persönlich gern als Evangeline, das Doktorenpaar Valko oder Percival Grigori sehen?


Marion Cotillard als Gabriella ware super. Zu den anderen Charakteren fällt mir aber gar nichts ein; wahrscheinlich habe ich die richtigen Darsteller für die Rollen einfach noch nicht gesehen.


In einem anderen Interview habe ich gelesen, daß ich zwei große Filmstudios buchstäblich um das Script gerissen haben. Was ist Deiner Meinung nach der Grund für das große Interesse an diesem Stoff?


Ich glaube, daß es im Moment eine große Nachfrage nach übernatürlichen Abenteuergeschichten gibt und ich denke auch, daß Engel eine starke Anziehungskraft auf die Menschen ausüben; die Leute lieben einfach Geschichten, in denen Engel vorkommen.


Sehr viele zusätzliche Informationen über Engel und die Geschichte der Angelologen sind auf Deinen Websites www.danielletrussoni.org und www.angelologist.com zu finden. Warst Du an diesen Seiten beteiligt oder kommt das alles vom Verlag?


angelus_entschluesseltDiese Websites wurden von mir mit der Hilfe der Designer Jessica Langton und John Lucas entworfen, die Zeichnungen stammen von Tod Ramos. Wir haben nach alten Fotos gesucht und Background-Infos zum Buch zusammengestellt. Insgesamt hat es uns sehr viel Zeit gekostet, aber diese Seiten sind ein Liebesdienst an den Roman. Ich wollte, daß die Leser erfahren, daß etwas Reales aus dem Buch herüberklingt, etwas, das mehr Informationen über die Figuren und die Geschichte birgt.


Gerade in den letzten Jahren ist das Internet ein wichtiges Medium geworden, Informationen zu transportieren und aus einem Roman mehr zu machen als „nur“ ein Buch. Auf Deinen Roman bezogen: handgeschriebene Tagebuchseiten und alte Fotos machen Deine Geschichte so viel lebendiger! Bist Du mit dem „Rundumpaket“ zufrieden?


Oh ja, ich finds klasse. Wenn ich mehr Zeit und Hilfe gehabt hätte, dann hätte ich eine noch viel ausführliche und umfassendere Website gemacht, mit individuellen Figurenbeschreibungen und –biographien, mit noch mehr Fotos und geschichtlichen Fakten. Ich liebe es einfach, Charaktere ohne Ende im Detail zu beschreiben.


Welche Tips und Ratschläge würdest Du jungen Schreibern geben, die ihre Arbeiten veröffentlichen wollen? Was sind Deiner Meinung nach die wichtigsten „go“s und „no-go“s, wenn man Schriftsteller werden möchten?


Ein Tip von mir ist: wenn Ihr schreiben wollt, dann findet soviel Zeit wie möglich, um tatsächlich zu schreiben. Ich weiß, das ist schwierig, aber nur nötige Zeit und Ruhe zum Schreiben lassen Euch Euren Rhythmus finden, Eure Stimme. Weiterhin würde ich vorschlagen, erst einmal kleiner Ziele ins Auge zu fassen, wie etwa die Veröffentlichung einer kleineren Geschichte in einem Magazin. Das sollte bald geschehen, damit Ihr Euch eine Leserschaft aufbauen könnt. (Wiedererkennungswert)


Und als Abschluß, um wieder zu den verschiedenen Ländern zurückzukommen, in denen Du bereits gelebt hast: wie funktioniert das Buchgeschäft in diesen anderen Ländern? Was lesen die Bulgaren, die Franzosen, die Japaner?


Über die Japaner weiß ich sehr wenig, den ich habe damals auf dem Land gelebt und kannte/kenne auch keine Schriftsteller oder Verleger. Ein bißchen mehr weiß ich über die Bulgaren, weil mein Mann Bulgare ist und ursprünglich auch dort veröffentlicht hat. Der Buchmarkt in Bulgarien ist natürlich viel kleiner, mit einer viel kleineren Leserschaft als der US-amerikanische oder der deutsche Markt. „Angelus“ wird in 32 Ländern veröffentlicht werden und ich freue mich sehr darauf, mehr darüber zu erfahren, wie das überall so funktioniert.

 

Wir bedanken uns für das Interview und wünschen Dir für die Zukunft alles Gute.

 

 

 

Interview (c) Wittgenstein, Danielle Trussoni, Rezi-Online

 

 

 


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