Interview mit Regina Schleheck (Autorin)

klappe_zuRegina Schleheck wurde 1959 in Wuppertal geboren, nach dem Studium in Germanistik, Sozialwissenschafen und Sport wurde erfolgreich die Familie aufgebaut. Heute arbeitet die Autorin als Oberstudienrätin am Kölner Berufskolleg und ist nebenberuflich als Referendarin an Erwachsenenbildungseinrichtungen tätig.

Vor wenigen Tagen ist ihr Buch "Klappe zu - Balg tot" im Wurdack-Verlag erschienen.



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Hallo Frau Schleheck, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview nehmen.

Keine Sache! Mein Agent hat gesagt, Rezi-Online sei die letzte Hürde vor Klagenfurt. Da gebe ich mich doch gerne her!

Nach der Recherche auf Ihrer Seite habe ich versucht eine "Schublade" für Sie zu finden, es ist mir allerdings nicht gelungen. Als was sehen Sie sich selbst, Kriminalautorin, Hörspielautorin, Kurzgeschichtenautorin oder "Ich lass mich in keine Schublade stecken"-Autorin?

Als "Ich schreibe alles, was sich nicht wehrt"-Autorin. Mag sein, dass ich mit besonderer Brachialität zu Werke gehe. Ich habe bisher tatsächlich keinen nennenswerten Widerstand erlebt.

Ihre Geschichten sind in vielen Genres zu Hause, gibt es ein Thema, über das Sie besonders gerne schreiben?


Ich liebe den Blick in die Abgründe unter dem Alltäglichen. Man hat mir in der Hinsicht aber auch schon Zwanghaftigkeit attestiert.

Sie haben sehr viele Preise gewonnen, gibt es einen, der Ihnen besonders viel bedeutet?


Nein. Preisvergaben sind subjektive und politische Entscheidungen. Die spontane Freude über die Anerkennung wird sofort verfälscht durch den Grad und die Art der öffentlichen Würdigung. Was mir persönlich sehr viel bedeutet, sind unmittelbare Reaktionen meiner Leser oder Zuhörer bei Lesungen. Wenn Menschen zutiefst betroffen sind oder sich von mir aus auch schieflachen oder mir Gedanken oder Erinnerungen mitteilen, die die Geschichte in ihnen wachgerufen hat.

Sie haben fünf Kinder, wie wichtig war und ist Literatur bei der Erziehung?

Ich will die Literatur gar nicht so hoch hängen, obwohl sie in meinem Fall tatsächlich eine sehr große Rolle gespielt hat. Als Kind habe ich Bücher verschlungen, und meinen Kindern musste ich täglich stundenlang vorlesen.
Wenn so ein ganzer Knubbel unterschiedlichen Alters gemeinsam Höhen und Tiefen der jeweiligen Geschichte durchlebt und miteinander (weiter)verarbeitet, das hat schon was.
Entscheidend ist aber nicht das gedruckte Wort, sondern das, was es bewirkt:
die Selbstkonstituierung der Persönlichkeit in der Auseinandersetzung mit anderen Wirklichkeiten. Ein Aquarium im Kinderzimmer könnte vermutlich den gleichen Effekt haben, nur springt es einen nicht so an. Das andere Extrem ist die mediale Sintflut, angesichts deren Sogwirkung der Drang der Kinder zur selektiven Verarbeitung schon ganz schön ausgeprägt sein muss.

Lesen Kinder zu wenig und wie kann man Kinder zum Lesen animieren?

Wie gesagt, Bücher halte ich zwar für ziemlich ideal, weil sie ein großes Spektrum bieten, das Sie in der alltäglichen Umgebung sonst kaum finden werden, aber wenn Kinder nicht anbeißen, dann können Sie sich auf den Kopf stellen und mit den Füßen wackeln, es wird nicht funktionieren. Die Abenteuer im Kopf können genauso gut beim Legospielen oder Angeln stattfinden. Die Sensibilität für eine bestimmte Sache ist entscheidend - auf beiden Seiten! Ich könnte zum Beispiel niemanden zum Angeln oder zu binomischen Formeln animieren. Die Frage müsste eher lauten: Setzen sich Kinder mit ihrer Umwelt auseinander, und was kann ich ihnen dazu anbieten, das mich selbst weiterbringt? Letzten Endes sind es  die Kinder selbst, die sich erschaffen. Zur Not auch ganz ohne Animation. So ganz viel kann man gar nicht dazu tun. Vielleicht eine nicht allzu sterile Umwelt. Aber heutzutage ist ja weniger eher mehr. Den Kindern Freiräume lassen!

Welches Kinderbuch würden Sie Eltern uneingeschränkt empfehlen?

Was für eine Frage! Zehn Meter Bücher würde ich schon als Einschränkung empfinden, und da wollen Sie einen einzigen Namen? Nun gut, ganz spontan uneingeschränkt und doch eins unter ganz, ganz vielen: Pu, der Bär von Milne. Aber zwingend  im Original! Wer nicht lesen mag, soll sich die Hörbuchversion von Harry Rowohlt antun. Zum Reinsetzen!

Wie entsteht ein Manuskript für ein Hörspiel und was sollte der Autor unbedingt beachten?

Man muss vor allen Dingen szenisch denken, den inneren Erzähler komplett wegdrücken. Dann die Augen schließen und sich klarmachen, was von dem Geschehen  noch übrig bleibt. Das ist nicht viel! Die Kunst liegt in der Reduktion, wenn man authentisch bleiben will. Der Dialog sollte nie den Erzähler zu ersetzen versuchen! Das Gebot der Reduktion gilt noch einmal ganz besonders für das Personal. Mehr als fünf Stimmen sind für das menschliche Ohr schwer zu unterscheiden. Man kann durch charakteristische Sprechweisen nachhelfen, aber auch das ist nur begrenzt glaubhaft. Das Ohr ist viel weniger korrumpierbar als das Auge beim Lesen.

Der Markt für Hörbücher/Hörspiele boomt, verleitet vertonte Literatur nicht zur Lesefaulheit?

Auch wenn die Grenzen fließend sind: ein Hörspiel ist kein Hörbuch! Es ist ein akustisches Drama, wohingegen das Hörbuch ein mehr oder weniger animiertes akustisch dargebotenes episches Werk ist, das natürlich immer eine Interpretation des jeweiligen Buchs ist. Beim Lesen rekonstruiere ich die Geschichte selbst, bei dem Hörbuch ist mein Spielraum eingeschränkt. Das Hörspiel dagegen interpretiert nicht, es ist eine eigene Kunstform!
Ich denke, jedes hat seinen eigenen Reiz. Was sollte schlecht daran sein, dass ich mir Geschichten vorlesen lasse, statt sie selbst zu lesen? Es ist etwas anderes, nicht besser, nicht schlechter. Ich finde selbst mittlerweile selten Zeit zum Lesen, und das hat mit Faulheit nun gar nichts zu tun! Da genieße ich es, mir beim Autofahren ein Hörbuch reinziehen zu können!
Gelegentlich lesen mir meine Kinder heute die Bücher ein, die sie klasse finden. Das ist doch eine schöne Revanche!

Gibt es einen Sprecher mit dem Sie besonders gerne zusammenarbeiten möchten?

Wenn Sie jetzt meine persönliche Chartliste der tollen Stimmen hören wollen, muss ich Sie enttäuschen. Die sind hinlänglich bekannt. Wichtig ist doch: Es muss passen! Zum Text, zur Rolle und im Zusammenspiel mit den anderen Sprechern. Last not least muss die Chemie zwischen Regie und Sprechern stimmen - und mir als Autorin, wenn ich da mitreden darf. :-) Im Drachenmond Verlag erscheint jetzt ein Hörspiel von mir, das von dem Dialog zwischen einem Jungen und einem Engel getragen ist. Charly Wagner war zunächst mein Wunschkandidat für den Engel, und er hat ihn auch wirklich grandios  gelesen. Letzten Endes hat Juliane Ahlemeier ihn aber eingesprochen, eine bisher eher unbekannte, aber ganz wunderbare Sprecherin, und ich fand es eine tolle Entscheidung, weil sie dem Jungen mehr Raum gibt.
Die Dynamik zwischen den beiden kommt so viel besser raus. Eine tolle Stimme allein ist kein Kriterium!

Wann greifen Sie selbst zum Buch und wann zum Hörspiel/Hörbuch?


Auf dem Weg zur Arbeit  höre ich Hörbücher, in meiner Freizeit oder in den Ferien lese ich. Na gut, ich lese beruflich bedingt natürlich auch schon sehr viel.

Woher nehmen Sie die Ideen für ihre Geschichten, wie viel Eigenerfahrung steckt in Ihren Stories?

Nun, in den Geschichten geht's ja teilweise ziemlich zur Sache! Ich sage mal, wenn in einer Story Blut fließen soll, muss man schon die ein oder andere Person um die Ecke gebracht haben, sonst klingt es nicht authentisch.
Das merkt der Leser sofort, ob man weiß, wovon man schreibt!
Nein, Schmerz beiseite: Bei Lesungen macht man schon mal die Erfahrung, dass man anschließend gefragt wird: "Wie haben Sie das denn verarbeiten können, dass Ihr Vater Alkoholiker ist?" Zum Glück ist er schon tot, dass er nicht mehr schief angeguckt werden kann. Ich nehme es als Kompliment, dass es mir gelungen ist, eine Situation glaubhaft zu schildern. Oder auch sehr beliebt:
"DARÜBER musst du unbedingt mal schreiben!" Nehein, ich schreibe keine Anekdoten! Ich entwerfe einen Versuchsaufbau: Wenn ich die und die Elemente unter den und den Bedingungen in der und der Weise zusammenbringe, könnte das und das passieren. Und dann lasse ich es laufen. Oft bin ich selbst überrascht, wie es ausgeht. Generell gilt natürlich: Je lauter es knallt, desto besser. Manchmal ärgert es mich, dass die plotstarken Geschichten es so viel leichter haben. Ich erzähle auch gerne slice of life-stories. Die will nur keiner hören.

Haben Sie literarische Vorbilder?

Vorbilder will ich das nicht nennen, weil ich mich bei meinem eigenen Schreiben nicht an anderen orientiere. Höchstens ganz tief im Unterbewussten, das sich meinem unmittelbaren Zugriff  aber dankenswerterweise entzieht.
Autoren, die mich unter anderem sehr begeistert haben: Grass, Marquez, Rushdie. Dostojewski finde ich genial. Alles, wo es ans Eingemachte geht, ans Abgründig-Menschelnde, gern begleitet von einer diskreten Portion schwarzen Humors. Ich halte das für eine wertvolle Überlebenshilfe. Das Magische finde ich klasse, solange es nicht ins Esoterische abdriftet, sondern dem Realen lediglich den besonderen Krawumm gibt. Ich muss den ganzen Menschen erkennen, keine ferne Lichtgestalt. Wenn Marquez den kackenden General beschreibt oder Grass die furzende Nonne beim Liebesspiel, dann ist das ein Aspekt, der mir die Figuren glaubhaft macht. Wir hocken alle öfter auf dem Klo, als dass wir die Welt retten.

Sie schreiben hauptsächlich Kurzgeschichten, wird es irgendwann einen eigenen Roman geben?

Ich habe ein Handicap. Solange ich so viele Kinder in der Ausbildung habe, werde ich kein Risiko eingehen. Ich verfüge über einen sicheren Job, der leider keinen Feierabend kennt. Die Zeit zum Schreiben muss ich mir in gelegentlichen nächtlichen Sitzungen abknapsen. Für einen Roman ist da kaum Raum. Im Frühjahr erscheint im Balthasar Verlag eine Erzählung, die hat ein angenehmes Format von knapp unter hundert Seiten. Das schaffe ich auch mal zwischendrin. Aber auf den großen Roman muss die Welt noch ein bisschen warten.

Stellen Sie sich vor, Sie schreiben eine Geschichte über eine prominente oder historische Person, wer wäre es und warum?

Oh, ich schreibe sehr gern über historische Personen. Von Jesus über Luther oder Menschen wie Erich Klibansky oder Christian Führer, Melina Mercouri - Hitler ist sehr dankbar! ich rücke die Welt gerne gerade, schlüpfe in Rollen, die festgelegt sind, und breche sie auf. Neulich musste Johnny Depp dran glauben. Kurz darauf war ich dann mit meinen Kindern im Kino - Johnny Depp in "Public Enemies". Eigentlich eher melodramatisch. Ich habe Tränen gelacht! Die Nachbarn waren sehr indigniert und haben sich mit Popcorn-Attacken Ruhe zu verschaffen versucht.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Zeit!!! Freiheit!!! So viel Geld, dass ich nicht mehr arbeiten müsste!!!
Okay, das sind jetzt drei. Aber der dritte würde die ersten beiden ja vielleicht  implizieren. Ich will jetzt nicht unmäßig erscheinen. Viel müsste es nicht sein, nur dass meine Kinder versorgt wären. Dann um die ganze Welt. Mit einem Rucksack,  zwei Unterhosen, einem Laptop zum Schreiben. Ich wüsste auch schon, wen ich mitnähme.

Wie wäre eine Welt ohne Bücher?

Es gäbe Schlimmeres. Eine Umstellung, klar. Ich könnte vielleicht singen oder tiefseetauchen. Die Welt hat noch ein bisschen mehr zu bieten.

Ich bedanke mich für Ihre Zeit und wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft.

Bis zum nächsten mal.


Mehr Infos zu Regina Schleheck und ihren Bücher gibt es auf der Webseite der Autorin.

 

 

Interview (c) Jester, Regina Schleheck, Rezi-Online


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