Interview mit Bernd Kissel (Trickfilmzeichner, Illustrator)

bernd_kisselBernd Kissel, geb. 1978 in SaarbrückenAusgebildeter Trickfilmzeichner seit 2008 selbständiger Illustrator und Zeichner für diverse Agenturen und Verlage2007 erschien das erste Album der „Saar-Legenden“ im Geistkirch-Verlag, Zwischen April 2007 und März 2009 erschienen 100 Folgen „Saar-Legenden“ samstags in der Saarbrückener Zeitung. Alles dabei um in alten Zeiten und Geschichten zu schwelgen, Zwerge, Kobolde, Nixen, Geister und vieles mehr. Man erfährt viel über Wissenswertes über die alten Zeiten und die Menschen früher.


Wie wurden Sie Comiczeichner/ -autor?


Wenn ich eine Lieblingsbeschäftigung aus meiner Kindheit herauspicken sollte, dann wäre das, neben dem Comiclesen,  das Zeichnen. Ich kann mich erinnern, viele Stunden damit verbracht zu haben. Als ich dann mit 13 zum ersten Mal Disney´s „Beauty and the Beast“ gesehen habe, war für mich klar, dass ich gerne an Zeichentrickfilmen arbeiten würde. Dann ergab es sich, dass  ich in Luxemburg eine Ausbildung zum Trickfilmzeichner machen konnte. Nach der Ausbildung habe ich gemerkt, dass mich beim Trickfilm vor allem die Hintergründe und Props interessieren und habe dann in einem Animationsstudio angeheuert. Dort arbeitete ich dann  knapp acht Jahre lang als „Background- & Propdesigner“ für verschiedene, meist amerikanische Projekte wie „Sushi Pack“, „Strawberry Shortcake“ oder „Sabrina-Teenage Witch“. Doch irgendwann vermisste ich das Zeichnen von Figuren! Ich wollte nicht mein Leben lang bloß Hintergründe Zeichnen. Das Problem bei Zeichentrickproduktionen für Fernsehserien ist, dass man immer bloß in einem eng begrenzten Bereich arbeiten kann. Ein Genre, das dem (Trick-)Film ja sehr nahe kommt ist der Comic. Und so machte ich mich Ende 2006 dran, die SaarLegenden zu entwickeln.


Seit wann zeichnen Sie?


Wie gesagt zeichnete ich als Kind schon gerne und ausgiebig. Das Schöne daran war, dass ich in meiner Mutter einen ersten „Fan“ hatte. Sie hatte ein kleines Geschäft, in dem sie meine neusten Zeichnungen an die Wand hängte. Das gefiel mir als Kind natürlich sehr gut und spornte mich an, weiter zu zeichnen.Mit 14 bekam ich dann ein etwas größeres Publikum, denn ich durfte für die lokale Zeitung (politische) Karikaturen machen. Seit dieser Zeit hatte ich auch immer Comicprojekte laufen. Oft auch mit anderen befreundeten Zeichnern zusammen. Aber nie wurde etwas davon veröffentlicht. Allerdings weiß ich heute, dass dies eine sehr gute Schule war.

 

Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit den Legenden ihrer Gegend zu befassen und Comics draus zu machen?

 

Sagen und Legenden haben mich immer schon interessiert. Comiczeichnen auch. Außerdem macht es mir Spaß Geschichten zu erzählen. Und so kam mir irgendwann, es war in einem Verkehrsstau, die Idee, alle diese Komponenten zusammenzubringen. Danach verging allerdings noch einige Zeit bis ich mich an die Adaption der ersten Sage machte. Bei all meinen bisherigen Projekten, sei es während meiner Zeit im Zeichentrickstudio oder  bei den SaarLegenden,  geht dem ersten Strich eine unterschiedlich lange Phase voraus, in der ich die Ideen sacken lasse.  Bei den SaarLegenden waren das sogar einige Monate. Dann aber nahm ich eine Sage meines Heimatortes, um sie zu adaptieren. Dabei entstand das Konzept der Serie: Ich wollte den Sagenstoff soweit möglich unverändert lassen und mich ziemlich genau an die Vorlage halten. Außerdem wollte ich die Orte an denen die Sagen gespielt haben sollen, sowie die Zeit in der sie angesiedelt sind so authentisch wie möglich darstellen. Dann war es außerdem noch wichtig, die einzelnen Geschichten auf eine Seite zu bekommen. Dreimal gelang es mir nicht, da die Sagen zu umfangreich waren. Daher wurden Zweiteiler (mit „Cliffhanger“) daraus.


Wie kommen die “SaarLegenden“ bei den Lesern an? Gibt es da irgendwelche Reaktionen?


Schon nach den ersten Folgen gab es Reaktionen der Leser. Viele meldeten sich gleich bei mir oder wandten sich an die Saarbrücker Zeitung. Das Echo war durchweg positiv und viele Leser schickten mir Material zu, das ich eventuell adaptieren könnte. Oft kam es dann auch dazu, dass die Leser mich einluden, mit ihnen den Ort, an dem die Sage spielt, zu besuchen. Dort konnte ich dann unter fachmännischer Begleitung Fotos von den Orten machen. Ich bin viel im Saarland rumgekommen während dieser Zeit. Einmal startete die Saarbrücker Zeitung eine Mitmachaktion,  bei der Leser bisher noch nicht adaptierte Sagen einschicken konnten. Als kleines Dankeschön bekamen die Einsender eine „Rolle“ in der entsprechenden Saarlegende.

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Wie lange arbeiten Sie an einer „Legende/Sage“?


Da die SaarLegenden wöchentlich einmal (in der Samstagsausgabe) erschienen sind, hatte ich auch immer nur eine Woche Zeit für die Fertigstellung einer Folge. Allerdings musste ich ja auch noch andere Aufträge bearbeiten, was die Zeit für eine Episode weiter einschränkte. Meistens hatte ich daher nur drei Tage Zeit um eine Seite zu gestalten. Diese Arbeit beinhaltete die Recherche, die Adaption des Textes, die Vor- und Sauberzeichnung sowie die Kolorierung am PC. Irgendwie hat es auch bei allen 100 Folgen geklappt. Spätestens freitagmorgens war alles im Kasten. Ich wundere mich heute noch darüber!


Welches ist ihre „Lieblingslegende/ -sage?


Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Während die Serie lief, war immer die Sage an der ich gerade arbeitete mein Favorit. Aber so im Nachhinein würde ich die Sage von den „Pestkreuzen in Besch“ (SaarLegenden - Band 2) als eine meiner Lieblingssagen auswählen. Zum einen, weil mir die Geschichte gefällt, ein Mann rettet durch eine List sein Dorf vor der Pest, und zum anderen weil mir ein lokaler Sagenkenner die Geschichte persönlich auf sehr eindrucksvolle Weise erzählt hat. So, als wäre er dabei gewesen. Das hat mich fasziniert.


Gibt es Quellen (Bücher, Internet) in denen Sie nach den Sagen suchen können?


Wie gesagt ist eine der Quellen die mündliche Überlieferung. Wie im oben genannten Fall war das manchmal buchstäblich der Fall. Die meisten Geschichten fand ich aber in den Sagenbänden des Kunsthistorikers Karl Lohmeyer, der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufmachte, die alten Sagen und Legenden der Saar in alter Grimm´scher Tradition aufzuschreiben und zu Sammeln.


Erzählen Sie bitte was zu Ihrer Comicleidenschaft


Wie bei vielen Leuten meiner Generation war Asterix der Einstieg in die Welt der Comics. Auch Lustige Taschenbücher und Lucky Luke habe ich geliebt. Nach kurzen Ausflügen in die Welt der Superhelden kam ich aber immer wieder zurück zu den franko-belgischen Comics.   Eine ebenso große Leidenschaft und Inspirationsquelle ist für mich das Kino. Außerdem höre ich leidenschaftlich gerne (Film)musik.


Ich habe im Internet gefunden, das Sie gerne Asterix lesen. Inwiefern beeinflusst Sie das beim Zeichnen?


Da bin ich einer von sehr vielen Leuten, die Asterix mögen. Das ist so, als würde man sagen „Ich mag Pizza!“ oder „Ich mag Hunde!“. So etwas teilt man mit sehr vielen Menschen. Und trotzdem mag man es nicht nur, weil die anderen es auch mögen. Wie gesagt war Asterix mein Einstieg in die Comicwelt. Und irgendwie vergeht auch heutzutage keine Woche, wo ich nicht mal in den alten Alben schmökere. Und das nicht nur aus Nostalgie. Uderzo´s Zeichnungen haben für mich etwas Überirdisches. Was mich z.B. immer wieder fasziniert ist die absolut stimmige Gestik der Figuren. Der Charakter sitzt immer. Ich denke, dass bei vielen Zeichnern der Einfluss der Idole irgendwie durchschimmert. Manchmal mehr, manchmal weniger.   Neben den Comics ist aber auch das Kino ein großer Einfluss für mich. Comic- und Filmsprache liegen ja auch nicht so weit voneinander entfernt.


Welche Comics lesen Sie selber am liebsten?


Am liebsten franko-belgische Comics. Neben den Klassikern von Franquin, Uderzo oder Morris mag ich auch Comics neueren Datums wie  „Green Manor“, „Belladone“ oder beispielsweise „Spirou“ von Émile Bravo. Aber auch amerikanische Comics begeistern mich ab und an. Ein Comic, das mich durch seinen einfachen Strich und die schlüssige Story beeindruckt ist die „Two Face“ Kurzgeschichte von BruceTimm.

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Wie ist Ihre Meinung dazu, das Comics in Deutschland immer noch „Schund“ und „Kinderkram“ sind und nicht gern gelesen werden von der Masse der Bevölkerung?


Zum Glück bekam ich davon als Kind nichts mit. Meine Mutter hatte nichts gegen Comics und auch später war das nie ein Thema. Ich weiß aber, dass Comics z.B. in Frankreich und Belgien einen viel höheren Stellenwert haben, als hierzulande. In jedem gut sortierten Supermarkt gibt es dort ein Regal mit Comics. Und zwar aus allen Genres.  Dass man in Deutschland Comics immer noch teilweise als „Kinderkram“ ansieht hängt vielleicht auch an dem doch weit verbreiteten Schubladendenken, da man hier sehr gerne anwendet, wenn es um Kultur geht.  Im Zusammenhang mit den SaarLegenden freut es mich daher sehr, dass es  anscheinend Leser aus allen Altersgruppen gibt. Sowohl Grundschüler als auch Rentner, die noch nie zuvor in ihrem Leben ein Comic in der Hand gehalten haben, lesen mit Vergnügen die  „SaarLegenden“. Das ist sicher unter anderem auch der Thematik geschuldet.


Was haben Sie außer den „SaarLegenden“ außerdem herausgebracht?


Vor den SaarLegenden habe ich nach einer Adaption von Flix das Märchen „Der Eisenhans“ für die Serie „Grimm“ des Zwerchfell-Verlags illustriert. Gerade arbeite ich an einem Projekt für den Berliner Schulbuchverlag Cornelsen. Dabei werden wichtige Episoden der französischen Geschichte spannend in Comicform erzählt. Der Clou an der Sache ist, dass sie nicht nur im franko-belgischen Stil gezeichnet sind, sondern auch auf französisch erzählt werden. Dieses Projekt macht mir viel Spaß! Nicht nur, dass ich gerne geschichtliche Comics mag, nein auch der Bezug zu Frankreich gefällt mir. Auch privat habe ich viel mit Frankreich am Hut. Ich lebe mit einer Französin direkt neben der Landesgrenze zu Frankreich im beschaulichen Saarland.


Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Haben Sie irgendwelche Pläne für ein Comicalbum abseits der Legenden?


Neben der Reihe „Faim D´Histoire“ für den Cornelsen-Verlag wird ab Januar 2010 eine neue wöchentliche Serie mit dem Titel „SaarlandAlbum“ in der Saarbrücker Zeitung starten. Dabei geht es um die sehr abwechslungsreiche und aufregende Geschichte des Saarlandes seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Und wer weiß, vielleicht wird daraus ja auch irgendwann ein Comicalbum. Und ansonsten habe ich jede Menge Konzepte und Ideen in der Schublade, die nur darauf warten irgendwann verwirklicht zu werden.


Ich bedanke mich für das Interview und wünsche für die Zukunft alle Gute.

 

Weitere Infos zu Bernd Kissel gibt es auf dessen Homepage: www.bernd-kissel.com

 

Zum Blog von Bernd Kissel

 

Interview (c) Martin Boisen, Bernd Kissel, Rezi-Online


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