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Still Chronik eines Mörders
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Titel:      Still Chronik eines Mörders
Kategorien:      Belletristik
BuchID:      10607
Autor:      Thomas Raab
ISBN-10(13):      9783426199565
Verlag:      Droemer HC
Publikationsdatum:      2015-01-14
Number of pages:      368
Sprache:      Deutsch
Bewertung:     

5 
Bild:      cover           Button Buy now



   


Rezensionen
Still

18.01.2015 Bewertung:  5 urmeli vergibt 10 von 10 Punkten

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Karl Heidemann wird 1982 in ein kleines Dorf hineingeboren. Von Beginn an hatte er es nicht leicht. Als Schreikind war er von fast allen als lästig angesehen. Sein Vater, der einzige, der ihn ruhig bekam, fand heraus, dass Karl selbst ein außergewöhnliches Gehör hatte. Die lauten Geräusche seiner Umgebung brachten Karl selbst zu seiner eigenen Lautstärke. Seine Kinder- und Jugendjahre verbrachte Karl größtenteils in der umgebauten, besonders ruhig gelegenen Sauna im Keller des Elternhauses, mittels einer Kamera wurde er vom Wohnzimmer aus bewacht. Um der Bewachung zu entgegen entwickelte Karl bald ein Gespür für ein Leben in Dunkelheit und leise Bewegungen. Da ein Schulbesuch nicht möglich war, hatte Karl sich mittels Lehrbücher sein Wissen selbst erworben. In der Teenagerzeit entwickelte sich ein Drang, die Welt draußen kennenzulernen. In der Nacht verlies er das Haus und streifte durch die Umgebung.

Durch diese besonderen Erfahrungen und keinerlei Vorstellungen von Gut und Böse oder soziale Kontakte lebte Karl in seiner ganz eigenen Welt. Die Trübsal und das Leiden seiner Mutter bekam er mit. Abhilfe aus dieser Situation sah er nur im Tod. Der Tod war für ihn Befreiung von allen Leiden des Leben, etwas, worauf man sich freuen könnte. Nach dem Tod der Mutter entwickelte er Techniken, um auch anderen, leidenden, Menschen zu „helfen“.

Ein Roman, der den Tod und den Umgang mit ihm aus einer ganz anderen Sichtweise betrachtet. Sehr psychologisch und schlüssig aufgearbeitet, spannend zu lesen und mit immer wieder überraschenden Wendungen in Karls Leben.


urmeli hat insgesamt 92 Rezensionen angelegt.


Der Tag, an dem Karl starb, war ein guter Tag ...

13.06.2016 Bewertung:  5 goat vergibt 10 von 10 Punkten

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Ungewöhnlich ist es, wenn ein Autor diesen Satz über seinen Protagonisten verfasst. Aber ungewöhnlich ist auch dieses Buch, welches sich für mich als ein poetischer Schatz der Literatur herausgestellt hat. Doch zunächst stellt sich die Frage, für wen ist dieser Tag ein guter Tag? Für die Mitmenschen von Karl? Für Karl selbst? Oder sogar für die Leser, die Karl fast drei Jahrzehnte seines Lebens begleiten? Aber wer genau ist denn eigentlich Karl?

Am 6. Dezember des Jahres 1982 durchbricht ein Schrei die Stille des kleinen Dorfes Jettenbrunn in Österreich. Karl, der Sohn von Charlotte und Johannes Heidemann, hat das Licht der Welt erblickt und schreit seinen ganzen Schmerz und seine ganze Empörung darüber hinaus. Noch ahnt niemand, dass dieses Geschrei Tage und Nächte andauern soll, lediglich unterbrochen durch einen kurzen Erschöpfungsschlaf. Karls Mutter weiß sich keinen Rat mehr: Jegliche Versuche, den Jungen zu beruhigen scheitern, bewirken sogar das Gegenteil - sobald sie ihn auf den Arm nehmen möchte, wird Karls Stimme noch durchdringender.

Nur dem Zufall ist es geschuldet, dass Karls Vater die Entdeckung macht, dass jegliches Geräusch für Karl eine Tortur ist – und sei es noch so leise. Selbst den Flügelschlag eines Schmetterlings vermag Karl zu hören. Um der kleinen Familie, vor allem aber Karl das Leben erträglich zu machen, baut der Vater den Keller kurzerhand zu einem schalldichten Bereich um und fortan ist Ruhe. Dem Familienfrieden zwar dienlich, weniger jedoch der familiären Gemeinschaft, fristet Karl lange Zeit ein Eremitendasein. Der einzige soziale Kontakt – abgesehen von seinen Eltern, besteht aus gelegentlichen Besuchen eines Nachbarn, der pensionierter Lehrer ist und Karl unterrichtet. In puncto Zwischenmenschlichkeit liegt der Junge jedoch weit zurück und kann somit auch nicht unterscheiden, was richtig oder falsch ist. Als er mit einbezogen wird, lästige Fliegen zu erlegen und der Satz fällt, dass die Plagegeister endlich tot sind und nun Ruhe ist, hat das fatale Auswirkungen. Woher soll Karl wissen, dass Töten etwas Unrechtes ist? Töten = Ruhe?

Als die Mutter in ihren verzweifelten Versuchen ihr Kind zu lieben, auf immer mehr Ablehnung stößt, sowohl vonseiten der Dorfbewohner als auch von ihrem eigenen Sohn, beschließt sie, sich vor den Augen ihres Sohnes in einem See zu ertränken. Karl kann dieses Ereignis natürlich nicht zuordnen und ist ebenso verwirrt wie fasziniert von dem friedlichen Ausdruck auf dem Gesicht seiner toten Mutter. Nun ist er sich sicher, dass der Frieden erst im Tod zu finden ist und er verlässt sein Zuhause mit dem Vorsatz, auch anderen Menschen diesen Frieden zuteilwerden zu lassen. Karl hinterlässt eine Spur des Todes, wo auch immer er sich gerade befindet und immer in dem Glauben, richtig zu handeln. Doch er selbst vermag keinen inneren Frieden zu finden …

„Still“ ist kein reißerischer Thriller, wie man ihn vielleicht bei einer solchen Inhaltsangabe erwarten würde. Was Thomas Raabs Roman ausmacht, ist weniger der Inhalt als die Art, wie der Autor den Weg des Mörders beschreibt, nämlich in ganz leisen Tönen – eben STILL. Hier ist der Name Programm. Und wer nun glaubt, bei einer Schneise des Todes kann es keineswegs still zugehen, der irrt gewaltig. Karl ist beileibe kein Sympathieträger, aber ich konnte gut nachvollziehen, was ihn zu diesen Taten trieb und mich nicht ganz davon freisprechen, so etwas wie Mitleid mit ihm zu haben.

Der Leser muss sich automatisch mit dem „Kind“ Karl auseinandersetzen, das auf so tragische Art und Weise zum „Mörder“ Karl wird. Es führt kein Weg vorbei am Begreifen dieser Taten. Diesen Roman mit „Das Parfum“ von Patrick Süskind zu vergleichen ist legitim. Aber „Still“ ist durch Raabs Schreibstil so viel mehr. Die Figuren, die er geschaffen hat, sind so gut beschrieben und in Szene gesetzt, dass ich einfach nur fasziniert bin. Die große Wendung dieses Romans wird allerdings von zwei Charakteren verursacht, die ich in meiner Rezension noch gar nicht erwähnt habe. Man darf „Still“ also noch immer mit großer, erwartungsvoller Spannung lesen, ohne dass ich zu viel verraten habe. Ein großartiges Werk und mehr als fünf Sterne wert.


goat hat insgesamt 193 Rezensionen angelegt.


 
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