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Du
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Titel:      Du
Kategorien:      Krimi/Thriller
BuchID:      1592
Autor:      Zoran Drvenkar
ISBN-10(13):      355008773X
Verlag:      Ullstein Hardcover
Publikationsdatum:      2010-09-29
Edition:      Hardcover
Number of pages:      576
Sprache:      Deutsch
Bewertung:     

4.5 
Bild:      cover           Button Buy now



Beschreibung:      Product Description
Roman
Erscheinungsjahr: 2010
Gewicht: 798 gr / Abmessungen: 220 mm x 147 mm x 45 mm
Von Drvenkar, Zoran

Nimm einen Mann, der durch ganz Deutschland reist und keine Gnade kennt. Wo er hinkommt, bleibt niemand am Leben. Nenn ihn ''Der Reisende'', mach ihn zum Mythos und fürchte ihn. Nimm fünf Freundinnen, die erst dem Chaos die Tür öffnen und dann die Flucht ergreifen. Leg ihnen fünf Kilo Heroin und eine Waffe ins Gepäck. Nenn sie ''Die süßen Schlampen'' und fürchte sie. Nimm einen Vater, der verfolgt wird von seiner Vergangenheit und es ganz und gar nicht komisch findet, dass sein Heroin verschwunden ist. Stell dir vor, dieser Vater hat nur ein einziges Ziel: Er will die fünf Freundinnen aufhalten. Um jeden Preis. Nenn ihn ''Der Logist'' und meide ihn. Sie alle bewegen sich aufeinander zu, sie sind voller Rache und haben keine Ahnung, dass du sie beobachtest. Zoran Drvenkar legt nach Sorry erneut einen äußerst raffiniert komponierten Roman vor. Um Freundschaft und Angst geht es - und um die dunkle Sehnsucht des Menschen nach Chaos und Grausamkeit.

Pressestimmen:
"Erfordert starke Nerven, belohnt dafür mit hervorragend aufgebauter Erzählkunst." (Emotion, Oktober 2010)

   


Rezensionen
Du kannst dir nicht trauen

06.10.2010 Bewertung:  5 KimVi vergibt 10 von 10 Punkten

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Schneechaos auf der A4. Es ist Nacht und auf allen drei Spuren ist der Verkehr zum Erliegen gekommen. Langsam wird klar, dass die Räumfahrzeuge noch Stunden brauchen werden, um die festsitzenden Fahrzeuge und ihre Insassen zu befreien. Nach und nach schalten die Fahrer die Motoren ihrer Wagen resigniert ab. Stille und tiefe Dunkelheit breiten sich aus. Der weiter fallende Schnee verwandelt die Fahrzeuge in separate Inseln, abgeschlossen von der Außenwelt. Das große Warten beginnt. Auch du gehörst zu den Eingeschlossenen, nur wenige Stunden von deinem Ziel entfernt. Du entschliesst dich deinen Wagen zu verlassen. Es ist, als ob du schon immer auf diesen Moment gewartet hättest. Dunkelheit umgibt dich. In dieser Nacht  steigst du in sechsundzwanzig wartende Fahrzeuge. Dein Instinkt leitet dich, denn zielsicher wählst du die Wagen aus, in denen die Beifahrerseite unbesetzt ist. Du weißt genau, wann es genug ist und setzt dich wieder in dein Fahrzeug. Sobald sich der Stau auflöst verschwindest du unerkannt, als hätte es dich nie gegeben. Der Reisende wurde geboren. Doch bedenke, du kannst dir nicht trauen...

 

Jetzt versetz dich in eine fünfköpfige Mädchenclique. Du bist ein Teil von ihnen. Jede steht für die andere ein. Ihr vertraut euch vollkommen. Deshalb ist es selbstverständlich, dass ihr einander helft, egal wie sonderbar die Situation auch sein mag. Da jede von euch aber auch einzeln agiert, steuert ihr langsam ins Chaos. Euer ganzes bisheriges Leben entgleitet euch. Nichts ist so, wie es mal war. Zum Glück erzählt ihr euch immer alles, oder? Es ist nur schade, dass du dir nicht trauen kannst...

 

Dann gibt es noch einen Mann, dem man besser nicht in die Quere kommt. Er ist eiskalt und führt seine Geschäfte mit eiserner Hand. Er trägt den Namen \"Der Logist\". Nun versetz dich auch in diesen Mann und lerne seine Vergangenheit kennen. Stell dir nun vor, die eingeschworene Mädchenclique würde sich ausgerechnet mit dir anlegen. Das würden sie doch sicher nicht riskieren? Du fragst dich nun wie all das zusammen passt? Beobachte genau, doch vergiss dabei niemals, dass du dir selbst nicht trauen kannst...

 

Meine Meinung

 

Zoran Drvenkar schafft es, den Leser von Anfang an in den Bann dieses Romans zu ziehen. Das liegt sicher an der außergewöhnlichen Erzählperspektive, der 2. Person Singular. Man wird direkt mit \"Du\" angesprochen und befindet sich sofort mitten im spannenden Geschehen. Dabei wechseln die Blickwinkel zwischen mehreren Personen, sodass man in die Haut von verschiedenen Protagonisten schlüpft. Die Perspektivenwechsel sind durch entsprechende Überschriften gekennzeichnet. Man weiß also genau, aus welcher Position man das Geschehen gerade betrachtet. Dennoch sind die häufigen Perspektivenwechsel, besonders am Anfang, etwas verwirrend. Um die Übersicht zu behalten, sollte das Buch konzentriert und aufmerksam gelesen werden. Da man in viele verschiedene Rollen schlüpft erlebt man manche Ereignisse etwas zeitversetzt.

 

Das Buch besteht aus drei Haupthandlungssträngen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Das verwirrt zunächst und erschwert den Einstieg in die Erzählung etwas. Doch sobald sich die ersten losen Fäden miteinander verknüpfen, steigert sich die Spannung enorm. Es fällt schwer, das Buch dann noch aus der Hand zu legen. Zoran Drvenkar gelingt es, eine bedrohliche und unheimliche Atmosphäre zu erschaffen und diese sehr glaubhaft zu vermitteln. Gerade diese düstere Stimmung und die allgegenwärtige Gefahr, der man als Leser durch die direkte \"Du\"-Ansprache ständig ausgesetzt ist, fördert das Suchtpotential dieser Geschichte. Die Spannung wird bis zum Schluss aufrecht erhalten, da es dem Autor oft genug gelingt falsche Fährten auszulegen, denen man als Leser bedenkenlos folgt. Erstaunlich ist, dass die gesamte Handlung am Ende ein stimmiges Gesamtbild abgibt und keine losen Handlungsfäden übrig bleiben.

 

Der Schreibstil ist nicht ausschweifend, sondern eher kurz und knapp. Zoran Drvenkar bringt seine Geschichte ohne überflüssige Verschnörkelungen auf den Punkt. Er verliert dabei kein Wort zu viel. Das ist aber nicht negativ gemeint, denn dieser Schreibstil ist für die Erzählung passend, spricht direkt an und treibt den Leser förmlich durch die Seiten. Handlungsorte und Begebenheiten erwachen zum Leben und verschmelzen mit der düsteren Atmosphäre. Die wörtliche Rede wird, genau wie in Drvenkars Thriller \"Sorry\",  nicht in Anführungszeichen gesetzt, sondern lediglich durch einen Querstrich gekennzeichnet. Daran kann man sich allerdings schnell gewöhnen und nimmt diese Eigenart als gegeben hin.

 

Mein Fazit

Die außergewöhnliche Erzählperspektive macht das Buch zu einem besonderen Leseerlebnis. Man wird als Leser direkt angesprochen und hat das Gefühl hautnah dabei zu sein. Dadurch unterscheidet sich das Buch wohltuend vom Thriller-Einheitsbrei. Obwohl die häufigen Perspektivenwechsel den Einstieg in die Handlung erschweren, vergebe ich zehn von zehn Bewertungssternen.

 


KimVi hat insgesamt 226 Rezensionen angelegt.


Du - ein außergewöhnliches Buch mit vielen Facetten

23.10.2010 Bewertung:  4.5 coffee2go vergibt 9 von 10 Punkten

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Kurze Inhaltsangabe:

Den Inhalt des Buches “Du“ von Zoran Drvenkar korrekt wiederzugeben, ohne zu viel zu verraten und eigene Interpretationen hineinzupacken, ist nahezu unmöglich. Kurz zusammengefasst handelt das Buch einerseits von einer Mädchenclique, die so nach und nach immer tiefer in eine verstrickte und gefährliche Situation hineinrutscht. Der zweite Erzählstrang handelt von mehreren Personen aus dem Drogen- und Gewaltmilieu sowie Familienbanden und Verwicklungen. Es kommt ein Reisender vor, der ein Doppelleben führt und unbemerkt Massenmassaker anrichtet und nebenbei eine Familie hat.

 

Meine Meinung zum Buch:

Der Schreibstil von Zoran Drvenkar erscheint zu Beginn ungewöhnlich, es wechseln sich innerhalb von wenigen Seiten mehrmals sämtliche Schauplätze und Charaktere. Mich hat das Buch bis zum Schluss immer wieder überrascht, welche Wende die Geschichte genommen hat und auch folgende Frage stellte sich bei mir mehrmals: „Was wäre gewesen, wenn…?“ Erst am Ende des Buches finden die einzelnen Erzählstränge und Lebensgeschichten der Charaktere zueinander.

Die gemeinsamen Erfahrungen der Mädchenclique nehmen im Buch einen sehr großen Raum ein und man erfährt nebenbei auch viele Details aus ihren individuellen Privatleben, die sie nicht einmal mit ihren besten Freundinnen teilen.

Mich hat das Buch an manchen Stellen sehr überrascht, dann war es wiederum eine lockere leichte Geschichte unter Teenagern, plötzliche Wende ins Drogenmilieu, Familienbanden, Rache, viele Tote, kurz zusammengefasst: Ein Buch mit sehr vielen Facetten und einer äußerst ungewöhnlichen Geschichte.

 

Cover und Titel:

Das Cover finde ich ansprechend gestaltet, sodass das Buch auffällt, allerdings hätte ich eine andere Person für das Titelbild gewählt. Den Titel „Du“ finde ich gut gewählt, denn die/der LeserIn wird im Buch mit „Du“ angesprochen, was auch dazu beiträgt, dass der Thriller anders zu lesen ist, auf eine andere Weise die/den LeserIn anspricht und wirkt.

 

Fazit:

Du ist ein Buch, das sehr stark polarisiert: Entweder man liebt das Buch und kann es nicht mehr weglegen bis man es zu Ende gelesen hat oder man kann mit dem außergewöhnlichen Schreibstil nicht warm werden. Bei mir ist der erste Fall eingetreten. Auf alle Fälle ist es ein Buch, das auch lange nach dem Lesen noch nachwirkt und beschäftigt und von mir das Prädikat „absolut lesenswert“ erhält.


coffee2go hat insgesamt 62 Rezensionen angelegt.


Zoran Drvenkar - Du

28.10.2010 Bewertung:  5 Stahlfixx vergibt 10 von 10 Punkten

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Über das Buch:
Ein Serienkiller (der Reisende), der in keine übliche Serienkiller-Kategorie passt, tötet in größeren zeitlichen Abständen anscheinend wahllos Menschen, die durch einen Zufall zum Zeitpunkt ihres Aufeinandertreffens verbunden sind (z.B. in einem Stau), danach verschwindet er. Er benützt keine Waffen, er hat kein Motiv, er lässt in der Regel niemanden am Leben, aber er tötet keine Kinder, er hinterlässt Spuren, nur zu fassen ist er nicht.
Eine Clique von fünf Mädchen (Stinke, Taja, Nessi, Schnappi und Rute) kommt durch Zufall an eine größere Menge Heroin, sie flüchten und ziehen (ungewollt) ein Spur der Verwüstung hinter sich her, wer ihnen hilft bekommt zumindest Besuch und in der Regel Probleme mit dem \"Besitzer\" des Heroins - Ragnar Desche, eine Größe im Berliner \"Unterwelt-Milieu\" (der Logist), der nicht nur seine \"Ware\" verloren hat, sondern auch seinen Bruder, den er tot (und ohne das bei ihm versteckte Heroin) auffindet - Tajas Vater.
Verschiedene Personen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben bewegen und entwickeln sich durch einen Strudel von Zufällen und Gewalt aufeinander zu.

Meine Meinung:
Den ersten Thriller von Zoran Drvenkar \"Sorry\" habe ich als einen der besten deutschen Thriller in Erinnerung, den ich bisher gelesen habe. Damit hat es der Nachfolger nicht leicht, er muss sich damit messen lassen. Die Gefahr bei einem solch ungewöhnlichem (Thriller-) Debüt besteht, dass das (für mich) sehr hohe Niveau nicht gehalten werden kann oder die Idee nochmals (da schon einmal erfolgreich) etwas abgeändert aufgewärmt wird.
\"Du\" ist, obwohl es Parallelen zu \"Sorry\" gibt, anders und auf seine Weise ungewöhnlich. Dem Autor ist, meiner Meinung nach wieder ein sehr guter (Psycho-) Thriller/Drama/Roman gelungen, er kommt zwar nicht ganz an \"Sorry\" heran, das ist aber auch kaum möglich, denn die Weise, in der \"Sorry\" erzählt wurde war bis dahin komplett neu und überraschend für mich.
Der Leser wird wieder Teil des Buches, er wird (bei \"Du\" jetzt noch ausgedehnter als bei \"Sorry\") von einem scheinbar allwissenden und zeitweise recht zynischen Erzähler an die Hand genommen und direkt angesprochen, der Leser schlüpft in fast alle im Buch vergebenen Rollen, er ist \"der Reisende\", \"der Logist\" oder auch eines von den Mädchen - und es funktioniert wieder - der Leser wird zu einem Teil des Buches, der Leser ist mit allen im Buch auftauchenden Personen verbunden, wie auch sie auf irgendeine Weise miteinander verbunden sind. Bei \"Sorry\" war mir dieses \"direkt angesprochen sein\" anfangs etwas unangenehm, das war nachdem mir dieses Stilmittel nun schon bekannt war jetzt nicht mehr der Fall.
Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt, die einzelnen Kapitel sind mit dem Namen des Charakters überschrieben, von dem der Teil des Buches handelt, wobei ich sagen muss, dass ich einige Namen (Stinke, Schnappi) recht dämlich fand, es hätte mir persönlich mit \"normaleren\" Namen besser gefallen.
Sprachlich und auch inhaltlich ist das Buch vielfältig und abwechslungsreich, jedem Charakter ist auch seine spezifische Weise sich auszudrücken gegeben.
Teilweise derb, teilweise eiskalt, ganz normal oder mit Selbstironie, aber auch in einigen Passagen ein wenig poetisch. Wie auch schon bei \"Sorry\" ist die wörtliche Rede nicht wie üblich gekennzeichnet - sie wird durch einen Bindestrich markiert, so erspart es dem Leser stetige Wiederholungen von \"sagte x; meinte y…\" aber leider manchmal ein wenig zu Lasten des Verständnisses.
Manche Begebenheiten werden von verschiedenen Charakteren aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, eigentlich die gleiche Geschichte, doch mit anderen Augen gesehen. Trotzdem weiss der Leser nicht alles, er weiss manchmal mehr als der Charakter in den er gezwungenermaßen schlüpft, das heißt aber nicht, dass es nicht doch noch Geheimnisse gibt, die auch nicht mit den besten Freunden geteilt werden.
Die Covergestaltung (der Mann) gefällt mir persönlich nicht so gut, prinzipiell aber passt es - die düstere Stimmung des Buches wird gut visualisiert. Den Klappentext halte ich für absolut gelungen, er verrät nichts und er macht (zumindest mich) neugierig - so sollte es immer sein.
Der Einstieg ins Buch beginnt fulminant, mit dem \"Reisenden\" - es ist eine verschneite Nacht, ein Stau auf der Autobahn, als sich der Stau nach einigen Stunden auflöst, fahren einige Autos, die dem \"Reisenden\" zu nahe waren, nicht mehr weiter…
Danach muss man als Leser etwas am Ball bleiben, bis sich die Geschichte entwickelt hat, es gibt einige Handlungs- und Zeitsprünge und die Geschichten, die erzählt werden können nicht wirklich eingeordnet werden - beschreiben sie Banalitäten oder hat das ganze einen tieferen Sinn. Man lernt die Mädchen kennen, scheinbar Zusammenhanglos dazu findet Ragnar Desche seinen toten Bruder, scheinbar wahllos schlüpft man in andere Rollen, begegnet Zufallsbekanntschaften der Mädchen, Geschichten aus der Vergangenheit der Protagonisten oder begegnet Familienmitgliedern - alles wirkt anfangs verworren. Nach und nach lernt der Leser, zumindest teilweise, die Zusammenhänge zu verstehen, wobei auch vieles bis zum Ende im Dunklen bleibt und es immer wieder Wendungen gibt, die vollkommen unvorhersehbar sind.
Das Buch ist schnörkellos und teilweise recht \"hart\" geschrieben, es wird nichts beschönigt. \"Sorry\" empfand ich in punkto \"Gewalt\" als grenzwertig, \"Du\" ist immer noch sehr weit entfernt von einem weichgespültem Buch, aber geht dahingehend nicht ganz so weit - was ich ich als positiv erachte, denn oft wird nach einem Erfolg\" noch (eine \"Schippe drauf\") zugelegt, um noch mehr zu schocken.
Sehr viele Teile der Geschichten handeln von Beziehungen von Vätern und ihren Kindern, wie in der Kindheit erfahrene Gewalt zu neuer Gewalt führt, oder wie auch eine scheinbar normale Kindheit zu einem vollkommen gefühllosen Erwachsenen führen kann und dass prinzipiell Gewalt notwendig ist, um sich von seinen Eltern zu lösen (von ganz wenig bis zum Extremsten) um \"selbst (Du) zu werden\" - und immer wieder auch das \"Prinzip Zufall\", eine Entscheidung und die daraus folgenden Konsequenzen - wie beim Domino, eigentlich fällt nur ein Stein, aber im Endeffekt beeinflusst er auch alles nachliegende.
Obwohl \"der Reisende\" immer wieder zuschlägt, ist \"Du\"kein Thriller, vor allem kein Ermittlungsroman, die Aufklärung der Morde spielt eigentlich keine Rolle und als Leser lernt man den \"Reisenden\" ja auch näher kennen - ein Roman (aber \"nur\" Roman - ist eigentlich zu wenig) wie ein beklemmendes Roadmovie. Es ist eigentlich unmöglich \"Du\" einem Genre zuzuordnen.
Der \"Reisende\" , der auf der Suche nach sich selbst, einem Ungeheuer (aus einem Märchen seiner Kindheit) begegnet und als Ungeheuer ohne Seele den Dämon ohne Herz sucht - einen Freund, oder zumindest \"Gleichgesinnten\".
Eine Geschichte aus der Unterwelt, über Stolz, Rache und Vergeltung.
Geschichten über die Beziehungen von Eltern/Vätern zu ihren Kindern.
Eine Geschichte über das Erwachsenwerden, über Probleme, Vertrauen, Verrat, Lügen, Liebe und Freundschaft, die über Grenzen geht - alle haben eine Gemeinsamkeit, sie sind auf der Suche, sie haben sich noch nicht gefunden.
Und das alles ohne zu belehren - Geschichten, ohne Wertung erzählt, die erst aneinandergereiht werden, dann zusammenfinden und, zwar einiges auflösen, aber nichts wirklich erklären, das Ende bestimmt der Leser für sich selber, er (Du) steht vor den Scherben vieler Leben und hat es selbst in der Hand Schlüsse aus den Geschichten zu ziehen.

Ein Buch, das für mich eigentlich keinem Genre zugeordnet werden kann.. Düster, verstörend und ungewöhnlich. In Stil und Ausdruck dem Vorgänger \"Sorry\" ähnlich.
Ein Buch, das, wenn man sich darauf einlässt nachdenklich macht, aber auch ein Buch, das nicht jedem Leser gefallen wird, das polarisiert.


Stahlfixx hat insgesamt 42 Rezensionen angelegt.


Tiefe Dunkelheit

08.11.2010 Bewertung:  5 suse9 vergibt 10 von 10 Punkten

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Ragnar, Stinke, der Reisende und all die Anderen, die wir in dem Roman \"DU\" kennenlernen sind auf der Suche. Sie suchen Liebe, Vertrauen, Geborgenheit. All das fehlt in ihrem Leben. Verrat, Gewalt und Gleichgültigkeit begleiten sie und der Wunsch nach Wärme scheint unerfüllbar. So wählen sie auch permanent den falschen Weg, um ihr Ziel zu erreichen.

Der Roman ist in einem ungewöhnlichen Schreibstil verfasst und das macht ihn - neben der genialen Story - außergewöhnlich. Jedes neue Kapitel ist einer anderen Person gewidmet, die direkt angesprochen wird. Neben den ständigem Wechsel zwischen den Protagonisten, erschwert auch der Wechsel der Zeiten den Lesefluss. Bald merkte ich, dass es nicht zu empfehlen ist, das Buch lange wegzulegen und auch, dass ich dazu gar nicht mehr in der Lage war. Gefangen von der Geschichte sowie der Art und Weise, wie der Autor sie erzählte, jagte ich durch die Seiten.

Am Ende des Buches fällt es mir schwer zu sagen, ob es sich um einen Thriller (Tote und Verfolgungsjagden gibt es genug), Krimi (ständig rätselt man, wohin die Story geht und welche Geheimnisse im Verborgenen liegen) oder Drama (die Geschichten der Helden sind durch Leid, Enttäuschung und Frustration gekennzeichnet) handelt. Ich schließe mich dem Verlag an, es ist ein Roman - und zwar ein sehr guter und jedem zu empfehlen, der offen ist, in einen ungewöhnlichen Schreibstil einzutauchen. Es gibt hier kein Schwarz und Weiß, kein Gut und Böse. Jeder hat eine helle und eine dunkle Seite. Die Gefühle der Helden und des Lesers fahren Achterbahn, und man ist ständig auf der Suche nach einer Wertung oder Erklärung. Hat man einen Sympathieträger gefunden, wird er duch die nächste Handlung auch schon wieder infrage gestellt.

Der Autor hat mit \"DU\" einen außergewöhnlich ungewöhnlichen Roman geschaffen, der durch Sprache und Inhalt besticht, und er verdient beachtet zu werden.


suse9 hat insgesamt 12 Rezensionen angelegt.


Nicht ich und nicht er, sondern DU

04.01.2011 Bewertung:  4.5 lenchen vergibt 9 von 10 Punkten

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Der Roman DU besteht aus drei Erzählsträngen, die der Autor genial zusammenführt, was aber nur am Ende der Geschichte völlig klar wird. Natürlich, sonst wäre es ja nicht so spannend!
Ein gefühlloser Massenmörder reist durch das Land und tötet in regelmäßigen Abständen Fahrer, die im nächtlichen kilometerlangen Stau stehen, oder die Bewohner ganzer Dörfer.
Es gibt auch einen kleinen Familienclan aus Berlin, Vater und seine zwei kriminelle Söhne, die auch ihre unglaublichen Rollen im Sujet spielen.
Und dazu noch fünf freche Teenager-Freundinnen, oder der „Club der süßen Schlampen“, wie der Autor sie nennt.


Die sind alle in die Geschichte verwickelt und es geht rasant vor. Opfer, Täter, Drogen, Waffen, große Gelder, gefrorene Leiche und gestohlene Autos, von allem gibt es genug in diesem Roman und darum kommt es manchmal fast unglaublich vor.
Das Coverbild schon ist sehr interessant und birgt eine optische Täuschung (ob nun absichtlich oder nicht). Eigentlich zeigt es einen Mann mit geschlossenen Augen, wenn man das Cover jedoch aus einigen Metern Entfernung anschaut, scheint es so, als sähe er einem direkt in die Augen. (Und das mit grusligen weißen Augen).


Der Titel des Buches heißt auch nicht umsonst DU. Es ist nicht nur der Titel, sondern auch die Erzählform der Geschichte. Und genau diese Form ist etwas, was vielleicht nicht jeder so leicht annehmen kann. Ich kann mich mit keiner der Figuren identifizieren und ich will es auch nicht. Soll ich Mitleid zu einem haben und mich wie in seiner Haut fühlen? Nicht unbedingt. Mir sind alle zu kriminell ;-) Darum ärgert mich auch diese DU-Form. Es ist zwar modern und ungewöhnlich, aber auch verwirrend und nicht dringend nötig. Ich fand mich mit dieser Form der Erzählung erst nach den ersten hundert Seiten zurecht, bevor ich begriffen habe, dass es im jeden einzelnen Abschnitt um eine jeweils andere Person geht, obwohl sie alle für den Lesern DU sind. Ich musste anfangs immer ein bisschen zurückblättern, um das ganze Bild im Kopf zu haben. Nur die Bezeichnungen der einzelnen Abschnitte verraten uns, um wen es diesmal geht. Man muss die ersten (paar) Seiten wirklich überwinden.


Die Story selber fand ich spannend. Stellenweise märchenhaft, was mehrere Stränge angeht – es wird im wahren Leben nie passieren, diese „zufälligen“ Treffen oder der leichte Sieg der „starken“ 15-jährigen Mädchen gegen Profikiller usw. Der Autor kann sich über fehlende Fantasie nicht beschweren. Aber genau deswegen lässt sich der Thriller schnell und flüssig lesen, wenn man wie erwähnt diesen DU-Aufbau der Geschichte schnell genug versteht. Die Spannung steigt von Seite zu Seite und man bekommt das Buch kaum aus der Hand, bis man es fertig hat. Der Stil ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber das Buch ist interessant zu lesen und sehr empfehlenswert für alle Thriller-Liebhaber.
Das Ende bleibt mehr oder weniger offen – ob wir wohl auf eine Fortsetzung warten dürfen?


lenchen hat insgesamt 58 Rezensionen angelegt.


DU bist immer dabei

09.01.2011 Bewertung:  4 Pharo72 vergibt 8 von 10 Punkten

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Fünf beste Freundinnen haben die Schule hinter sich gebracht und sind neugierig auf das Leben. Doch seit einigen Tagen fehlt eine von ihnen. In letzter Sekunde erreicht Tajas Hilferuf den Rest der Mädchengang. Sie ist im Drogenvollrausch und ihr Vater liegt tot in der Tiefkühltruhe. Klar, dass die Mädchen sofort an ihre Seite eilen. Ein großer Drogenfund lädt geradezu ein, einen Deal zu versuchen, um sich den Start ins Erwachsenenleben zu erleichtern.

Keiner ahnt, dass die Drogen Tajas Onkel und damit einem der größten Berliner Unterweltbosse gehören. Niemand nimmt Ragnar etwas weg. Als statt der Drogen die Leiche seines Bruders auftaucht, kennt er nur ein Ziel, die Mädchen müssen bestraft werden. Eine gnadenlose Jagd beginnt. Und dann ist da noch der Reisende, der seit vielen Jahren auf Deutschlands Straßen unterwegs ist und immer ein Meer von Leichen hinterlässt. Völlig unmotiviert, so scheint es, tötet er und kommt damit durch. Sie alle bewegen sich aufeinander zu. Gibt es einen Sieger in diesem Verwirrspiel aus Gewalt, Drogen und Lust?

Nach „Sorry“ erscheint nun der neue Thriller von Zoran Drvenkar. Allein das Buchcover ist schon Furcht einflößend und ebenso ist es der Roman. Wieder greift der Autor auf die etwas gewöhnungsbedürftige Erzählweise in der zweiten Person zurück. Der Leser schlüpft dadurch selbst abwechselnd in die Rollen aller Protagonisten. Dies ist gerade im Fall des Reisenden, der mit unendlicher Gefühllosigkeit einen Mord nach dem anderen begeht, schwer verdaulich. Aber gerade die Nähe zur Figur, die dadurch hergestellt wird, macht das Leseerlebnis so intensiv.

Ist es anfangs noch etwas verwirrend, was alle Personen wohl miteinander zu tun haben, so kristallisieren sich bald die Beweggründe der Einzelnen hervor. Unerwartete Wendungen geben dem Buch Tempo. Spätestens nach der Hälfte kann man das Buch nicht mehr zuklappen, ohne den Showdown in Norwegen miterlebt zu haben. Dieser kommt auch mit einem großen Überraschungseffekt und lässt den Leser dennoch ein wenig ratlos zurück.

Auch wenn mir „Sorry“ einen Tick besser gefallen hat, ist dieser Roman ein intelligent konstruiertes Charakterpuzzle, dass in so manche Abgründe blickt und Leser, die nicht mehr mit Thrillern nach Schema F zufrieden sind, begeistern wird.


Pharo72 hat insgesamt 83 Rezensionen angelegt.


Schwieriger Einstieg, aber es lohnt sich!

21.09.2011 Bewertung:  4.5 Nazena vergibt 9 von 10 Punkten

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Ein mysteriöser Serienkiller mordet scheinbar wahllos in großen Abständen. Der Vater eines Mädchens stirbt, sie dröhnt sich mit in seinem Zimmer gefundenen Drogen zu und ruft ihre Freundinnen als Unterstützung an. Ihr Onkel, der Drogenbesitzer, macht sie für den Tod verantwortlich und hetzt die Mädchenclique mit seinem Sohn und seinen Handlangern durch Deutschland und Norwegen. Immer wieder verwischen Erinnerungen, Gegenwartsschnappschüsse und zufällige Treffen der Protagonisten den Ereignisrahmen. Schließlich treffen alle zusammen und die Wahrheit war doch ganz anders…

Ich habe fast 200 Seiten gebraucht, um in den Roman hineinzufinden. Diese \"Du\"- Perspektive macht es sehr verwirrend und wirkt nur scheinbar distanziert. Jedes Kapitel ist aus Sicht eines Charakters geschrieben und durchschnittlich 10-15 Seiten lang. Da jeder Charakter dieselbe Situation anders erlebt, mit anderen Erinnerungen verknüpft und sich teilweise auch selbst anlügt, weiß man bis zur letzten Seite nicht, was wirklich passiert ist und wer wie mit wem verknüpft. Und selbst nach dem letzten Satz kann man sich noch nicht sicher sein: Waren alle ehrlich?

Durch den \"Du\" Stil simuliert Drvenkar Distanz, gleichzeitig ist die Perspektive intimer als die reine Ich-Erzählweise, da der Charakter quasi gleichzeitig von innen und von außen beleuchtet wird. Zu Beginn sehr gewöhnungsbedürftig, machte es den Roman doch zu einem echten Leseereignis, der, sobald erstmal ordentlich Fahrt aufgenommen, kaum noch aus der Hand zu legen ist. Man muss zwar sehr genau lesen, da eine Fülle von Charakteren und Ereignissen angesprochen werden, hat man sich aber erst einmal hineingefunden, läuft ein rasantes Kopfkino ab. Nichts für zwischendurch, aber für Freunde von intelligenten psychoanalytischen Krimis mit ein paar freien Abenden definitiv zu empfehlen!


Nazena hat insgesamt 88 Rezensionen angelegt.


Ein mehr als würdiger Nachfolger für \"Sorry\"

24.02.2012 Bewertung:  5 rumble-bee vergibt 10 von 10 Punkten

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Zoran Drvenkar steigt mit diesem Werk erneut in meiner Achtung. Denn er ruht sich nicht etwa auf den Lorbeeren für seinen Vorgänger „Sorry“ aus, nein – er geht einen Schritt weiter, er baut seine Fähigkeiten aus, und wird episch, melodramatisch, bedrückend, lakonisch-faszinierend, nahezu tragisch. Alle diese Merkmale sind bei Drvenkar natürlich nichts Neues – aber hier werden sie (zumindest meiner Meinung nach) weiter perfektioniert, und auf die Spitze getrieben. Man möchte wirklich nicht in der Haut dieses Autors stecken. Denn was soll schon nach diesem Buch noch kommen..?

Als ich den Titel seines neuen Werkes hörte, war ich skeptisch. „Du“ - das klang nach einem simplen Wiederaufnehmen eines Konzeptes, das in „Sorry“ schon für Furore gesorgt hatte – nämlich das streckenweise erdrückend konsequente Erzählen in der Du-Perspektive, so dass der Leser sich persönlich angesprochen fühlt und sich nicht entziehen kann. Doch „Du“ ist viel mehr als das. Es nimmt den Leser mit auf eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle, und führt ihn durch drei verschiedene Erzählstränge hindurch. Diese verquicken sich zuerst langsam, dann immer schneller, um in einem Finale Furioso zu gipfeln, das beinahe die Züge einer griechischen Tragödie trägt. 

Gut, geben wir es gleich von Anfang an zu – dieses Buch ist sicher keine leichte Kost, aber das erwartet man von Drvenkar ja auch nicht. Es verlangt eine aufmerksame Lektüre, ein geistiges Puzzle-Spiel, und die Bereitschaft, einmal nicht nach „dem Helden“ und „dem Bösen“ Ausschau zu halten. Genau wie „Sorry“, nimmt „Du“ dem Leser die Aufgabe der Bewertung in keiner Sekunde ab. Man begegnet Personen, die alle gleichermaßen verkorkst und verquer veranlagt sind. Eine Identifikation wird im engeren Sinne also nicht geboten – dafür aber ein atmosphärischer Höllenritt par excellence.

Der Prolog beginnt mit dem ersten Handlungsstrang, dem „Reisenden“. Es entzieht sich leider meiner Kenntnis, ob diese Verbrechen auf wahren Tatsachen beruhen – aber zumindest wird dieser Eindruck erweckt. Ein Mann bleibt mitten im Winter auf der A 1 nachts in einem Stau stecken – und das setzt Gefühle und Erinnerungen frei, die in einem Massenmord gipfeln. Nacheinander ermordet dieser Mann weit über 20 Menschen in ihren Fahrzeugen. Absolut verstörend ist schon in diesem Abschnitt, wie der Autor selbst die grausamsten Details mit einer Art von Poesie ausstattet, und seinen lakonischen Ton beinahe in einer Art Verständnis für den Täter münden lässt. Dasselbe wiederholt sich im Laufe des Buches noch dreimal.

Der zweite Strang beginnt im nächsten Abschnitt. Hier begegnen wir Ragnar, einem Gangsterboss. Sein Bruder ist tot, und etwas offenbar sehr Wertvolles ist ihm abhanden gekommen – von einer weiblichen Person entwendet. Man erfährt in diesem Abschnitt nicht eben viel – nur die Veranlagung dieses Menschen wird überdeutlich. Er verfügt über: willige Handlanger, genügend Mittel und Verbindungen, sowie einen für sein Metier erfreulichen Mangel an Gewissen und Skrupel. Man ahnt Übles.

Im dritten Strang treffen wir auf die „süßen Schlampen“, eine Clique von fünf reichlich frühreifen und abgebrühten Berliner Gören, die sich sicherlich keine mittelständische Hausfrau als Freunde für ihre Kinder wünscht. Wie ich einem Interview entnahm, sollte das Buch sogar ursprünglich nach diesen Mädchen benannt werden – seien wir froh, dass Zoran Drvenkar sich anders entschieden hat. Protagonistin ist (vorübergehend) „Stinke“, die wie alle fünf Mädchen im ganzen Buch fast nur mit ihrem Spitznamen angesprochen wird. Was die Handlung betrifft, erfahren wir auch hier nicht gerade viel – wir treffen Stinke und ihre Freundinnen, und erhalten einen Einblick in ihre Welt. Stinke ist eigentlich mit ihren Freundinnen im Kino, lässt sich aber in der Pause auf einen reich scheinenden Fremden aus Hamburg ein. Ihr eigentlicher Freund, Indie, bleibt kurzerhand mit seinen Rasta-Locken und schmierigen Hosen zurück. Auch hier ahnen wir : das wird noch unerwartete Folgen haben.

So unwahrscheinlich es auch scheint, diese drei Stränge finden im Laufe des Buches zueinander. Und zwar auf eine Art und Weise, die erst langsam Fahrt aufnimmt, aber dann für absolute Gänsehaut sorgt. Ragnar und die „süßen Schlampen“ treffen dabei noch relativ schnell aufeinander, noch vor der zweiten Hälfte. Doch durch die immer wieder wechselnden Perspektiven, die mit dem Namen der jeweils handelnden Person überschrieben sind, wird vom Leser konstante Denkarbeit verlangt. Es stellt sich heraus: die Dame, die Ragnar am Anfang etwas entwendet hatte, war eine der „süßen Schlampen“... doch wie kam es dazu? Das verrate ich lieber nicht, das tut auch nichts zur Sache. Das ist Stoff für einen Lese-Sog, der seinesgleichen sucht. Es sei nur bemerkt, dass auch die Chronologie der Ereignisse nicht eben geradlinig verläuft – man muss teilweise sogar zurückblättern, um nicht den Faden zu verlieren. Selten wurde ich als Leser dermaßen gefordert – aber ich habe es in jeder Sekunde genossen!

Im letzten Drittel des Buches wähnt man sich zunächst in einem Road-Movie, doch auch hier täuscht der Eindruck. Unterschwellig weiß man, das kann doch nicht alles sein – ein Gangsterboss, der fünf Mädchen jagt. Das wäre ja viel zu einfach. Und richtig! Auf letztlich sehr, sehr zufällige, und gerade dadurch eben tragische Weise, kreuzt sich dieses Abenteuer mit dem „Reisenden“ - und spätestens ab diesem Punkt konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen. Meine Assoziationen wirbelten wie ein Schneesturm durch meinen Kopf – teils Quentin Tarantino, teils Alfred Hitchcock, teils Zoran Drvenkar! Eine geniale Mischung, die in einem halb offenen Ende mündet, das ich so noch nicht gelesen habe. Absolut neuartig für einen Thriller dieses Genres, dieser Generation. Sicher, die wichtigsten Handlungselemente werden zu Ende geführt – manche Personen bleiben auf der Strecke, manche Verbindungen wandeln sich, manche Enthüllungen warten auf den Leser. Und doch ist das Ende nicht „abgeschlossen“, in keinster Weise „rund und befriedigend“. Doch gerade dadurch empfand ich es als für dieses Buch als zu hundert Prozent stimmig! Man klappt dieses Buch zu, und ist doch nicht „fertig“ - es wirkt nach. Und zwar lange!

Mehr mag ich inhaltlich gar nicht zu diesem Buch sagen. Das soll sich jeder interessierte Leser selber erlesen – denn dieses Buch ist, wie schon gesagt, nicht zum billigen Konsum gedacht, sondern zum Mitleben, Nachvollziehen, Verdauen, und Weiterspinnen im Kopf. Erwähnen wir lieber die „besonderen Kennzeichen“, die Drvenkars Stil so unverwechselbar machen. 

Da ist natürlich die Erzählperspektive, das „Du“. Es wird konsequent angewendet, in nahezu jedem Erzählabschnitt. Ich habe nicht nachgesehen, aber ich glaube, an keiner einzigen Stelle wird die konventionelle Erzählhaltung in der dritten Person verwendet! Immerzu heißt es „Du“. Das zwingt dem Leser eine Intimität mit den handelnden Personen auf, die teilweise schon bedrückend ist.

Das zweite Kunststück des Autors besteht darin, Poesie mit Grauen zu verbinden. Manche Absätze möchte man sich am liebsten abschreiben und übers Bett hängen, doch wenn man schließlich realisiert, um was es eigentlich geht, verfliegt dieser Impuls ziemlich schnell.

Es geht viel weniger um Personen, als um Milieus, um Stimmungen. Fremd bleiben einem die Handelnden zwar nicht, aber sie bleiben auf einem Abstand stehen, der ein allzu großes Verständnis verhütet. Man nimmt teil als Leser, man folgt dem Geschehen – aber man staunt, man ist ratlos, auch hilflos angesichts von so viel Trübsal und Hoffnungslosigkeit.

Was die „Verstrickung“ der einzelnen Stränge angeht, habe ich selten etwas so Originelles und Ausgefuchstes gelesen! Nicht nur die klassischen „Cliffhanger“ finden wir en masse, sondern auch Vor- und Rückschritte, sowie ständige ironische Einmischungen des Autors! Er redet seine Figuren teilweise selber an, teilt ihnen Rollen zu, bewertet, nimmt vorweg. Und der absolute „Knüller“ war für mich in diesem Buch die Tatsache, dass sogar Tote und Sterbende eigene Kapitel zugewiesen bekommen! Ich hätte ja beinahe gelacht, aber das Lachen blieb mir dann doch im Halse stecken.

Nein, dieses Buch ist für mich einfach kein Buch im klassischen Sinne. Es ist ein erzählerisches Experiment, ein Panoptikum an Stilmitteln und spannungssteigernden Elementen. Ungewöhnlich, aufrührend, verstörend, bleibend. Und für jeden Leser, der die üblichen Krimis und Thriller nicht mehr sehen kann, absolut empfehlenswert! Höchstnote für Zoran Drvenkar!

 


rumble-bee hat insgesamt 76 Rezensionen angelegt.


schonungslos böse mit tollem Schreibstil

03.03.2012 Bewertung:  5 Ivonnsche vergibt 10 von 10 Punkten

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Die Story wartet mit einer unheimlichen Dichte an Figuren auf, deren Schicksale sich am Ende alle vereinen.

 

Ein Unbekannter, der seit Jahrzehnten ab und an in unterschiedlichen Zeitintervallen ganze Menschentrauben ungesehen auslöscht ohne einen übrig zu lassen, sei es auf der Autobahn, im Hotel oder im Dorf.

 

Fünf Mädchen, die alle ihre eigene Bürde tragen und plötzlich vor einem Drogenboss fliehen müssen.

 

Der Drogenboss, diverse Männer und Jungs, deren Weg die Mädchen kreuzen und die mit in den Strudel der Ereignisse hineingerissen werden….

 

Ein rasanter Thriller, der in einem Showdown endet.

 

Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Es wird jeweils aus der Du-Perspektive geschrieben. Es gibt an die 10 Figuren, deren Wegbegleiter man ist, bzw, die man ja selber ist, eben weil die Du-Perspektive verwendet wird. Das ist sehr ungewöhnlich und habe ich noch nie gelesen. Aber es führte zu einer besonders intensiven Wahrnehmung der einzelnen Gefühle und antreibenden Kräfte der Personen. Anfangs hat es noch etwas verwirrt sich erstmal in die vielen Individuen einzufinden und nicht miteinander zu verwechseln, aber dann war es das, was das Buch ausmacht. Neben der abgrundtiefen bösen und schonungslosen Story.

 

Lesenswert!

 


Ivonnsche hat insgesamt 12 Rezensionen angelegt.


DU hast viele Gesichter

29.12.2012 Bewertung:  4 metAlpAnda vergibt 8 von 10 Punkten

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Du bist "der Reisende" und tötest scheinbar wahllos 26 Menschen in einem Stau auf der schneeverwehten Autobahn. Doch dann passiert ein Ortswechsel und du sitzt vor deinem toten Bruder Oskar, der unter mysteriösen Umständen mitten im Sommer erfroren ist. Wieder ein Szenenwechsel - und du bist Teenagerin Stinke, die mit einem Jungen vor dem Kino flirtet.


Zoran Drvenkar wählt ungewöhnliche stilistische Mittel für seinen Roman – die „Du“-Form der Erzählung aus der Perspektive vieler Charaktere, ständige Ortswechsel, kurze Kapitel sowie ebenfalls kurze, trockene, abgehakte Sätze. Es ist zunächst nicht leicht, sich in die Erzählung einzufinden. Die Vielzahl der Charaktere lässt sich nicht sofort zueinander einordnen, doch im Laufe der Erzählung wird alles klar – oder doch nicht. Denn die Welt in „Du“ besteht aus Lügen und Intrigen und ist alles andere als heil. Drogen, Gewalt, Inzest – DU bleibst nicht verschont, wenn du erstmal in diesen Strudel gerätst.
So passiert es der Mädchenclique – erst verschwindet eins der Mädchen, doch als ihre Freundinnen sie finden und ihr aus dem Schlamassel, in das sie hineingeraten ist, helfen wollen, geraten sie alle viel tiefer hinein, als es denen lieb ist…


Die Geschichte ist hart und gewiss nichts für Zartbesaitete. Die häufigen Szenenwechsel erfordern zudem konstant die ganze Aufmerksamkeit und wirken etwas ermüdend. Gerade in der zweiten Hälfte wirkt der Roman deshalb etwas langatmig, mit überflüssigen Dialogen und in der Länge gezogenen Erlebnissen auf der Flucht gespickt. Zudem wirkt es auf mich befremdlich, dass 16-jährige deutsche Mädchen zum Einen hervorragend Auto fahren können, unterschiedliche Modelle, unter anderem schwergängige Geländewagen, und ihnen damit die grenzüberschreitende Flucht problemlos gelingt, und es zum Anderen keinen aus ihrer Verwandtschaft stutzig zu machen scheint, dass sie auf einmal weg sind. Als einem Mädchen etwas ganz Schlimmes zustößt, werden in einem Nebensatz ihre Eltern erwähnt – der Rest der Mädchengang fährt ungehindert weiter.


Die Idee, DICH zum Teil der düsteren Geschichte zu machen, ist interessant, die Umsetzung teilweise spitze gelungen, stellenweise leider nur mittelmäßig. „Du“ ist auf jeden Fall lesenswert, jedoch nichts für Leute mit schwachen Nerven und als ein ernstzunehmendes Werk – nicht als entspannte Urlaubslektüre für nebenbei.


metAlpAnda hat insgesamt 28 Rezensionen angelegt.


 
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