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Belletristik: Das Haus der Rajanis
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Titel:      Das Haus der Rajanis
Kategorien:      Belletristik
BuchID:      2332
Autor:      Alon Hilu
ISBN-10(13):      3406612873
Verlag:      Beck
Publikationsdatum:      2011-02-18
Edition:      1
Number of pages:      354
Sprache:      Deutsch
Bewertung:     

5 
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Rezensionen
Es ist was faul im Staate Israel...

24.02.2012 Bewertung:  5 rumble-bee vergibt 10 von 10 Punkten

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Schon in meinem ersten Leseeindruck hatte ich es geahnt, und nun, nach der Lektüre des Buches, kann ich dies nur bestätigen: \"Das Haus der Rajanis\" von Alon Hilu ist ein durch und durch ambitioniertes Projekt, ein mutiges und gelungenes Buch! Mir hat sehr gefallen, wie beherzt der Autor ein schwieriges Thema aufgegriffen hat, und mit wie vielen Stilmitteln und Kniffen er es angegangen ist. Fürchterlich schade ist bei der ganzen Sache nur, dass manche dieser Kniffe für den Durchschnittsleser nicht ersichtlich waren. So bestand die Gefahr, dass man rein an der Oberfläche der Sachinformation entlang liest, dass man nur die Story beurteilt - und infolgedessen musste eine solche Rezension natürlich am Sinn vorbeigehen, den der Autor - meiner Meinung nach - eigentlich verfolgt hat. Ich möchte das gerne genauer erläutern.

Ich bin ja auch erst in der Mitte des Buches darauf gekommen. Da dämmerte mir so langsam, was der Autor eigentlich vorhatte. Da hatte ich seine Anspielungen entschlüsselt, und es wurde mir klar, worauf dieses Buch eigentlich aufbaut. Kurz und gut: er schildert eben \"nicht nur\" den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern aus historischer Sicht, anhand einer Romanhandlung. Nein, er bezieht sich ausdrücklich auf ein großes Vorbild aus der klassischen Literatur, und zwar - auf Shakespeare! Ich habe nachgeschlagen, und bin mir nun absolut sicher. Nahezu das gesamte Handlungsgerüst geht auf den \"Hamlet\" zurück (Ermordung des Vaters durch einen Rivalen, Enthüllung der Schandtat durch Vorspielen, Geistererscheinung, Versuch der \"Verschickung\" des Sohnes, etc. pp.), und etliche zusätzliche Motive, wie Wahnsinn, Prophezeiungen, und der \"laufende Wald\", stammen aus \"Macbeth\". Das lässt natürlich das gesamte Buch in einem anderen Licht erscheinen, und eigentlich müsste man es sofort noch einmal von vorne lesen. Doch dazu fehlt mir im Moment leider die Zeit.

Shakespeare steht für mich für eine ganz bestimmte Haltung, was Literatur kann und soll. Insofern kann ich nur vermuten, Alon Hilu hat sich gewünscht, auch im Lichte dieses Meisters beurteilt zu werden. Shakespeare hat ja immer klassische Leidenschaften und Laster der Menschheit gegeißelt; er hat seine Zeit schonungslos porträtiert, und wollte dadurch die Menschen wachrütteln. Ergo folgere ich, Alon Hilu hat durch die Wahl dieses Bezugsrahmens zeigen oder unterstreichen wollen, dass der Nahost-Konflikt eben ein klassisch \"menschlicher\" Konflikt ist. So etwas kam und kommt - leider - immer wieder vor. Und, auch das zeigt uns Shakespeare, ein Konflikt, auch ein schwerer mit politischen Folgen, geht meistens nur von einigen wenigen irregeleiteten Zeitgenossen aus. Die allgemeine \"Schuldfrage\" kann somit nur schwer oder gar nicht beantwortet werden, wenn nämlich die ursprünglichen \"Anstifter\" längst verstorben oder verschwunden sind. Und gerade deshalb bin ich so begeistert von diesem Buch! Es macht die moralische Beurteilung des Geschehens dem Leser wirklich nicht leicht - WENN er denn diesen Bezugsrahmen erkannt hat. Es stellt ganz bewusst krasse Klischees, sowohl gegenüber Arabern als auch gegenüber Juden, nebeneinander, es spitzt zu und regt auf. Das geschieht mit voller Absicht, eben um zu zeigen, he Leute, so ist die Welt, aber wir alle könnten unter den entsprechenden Umständen ebenso reagieren.

Doch dies soll keine sozialwissenschaftliche Abhandlung werden. Noch einige Bemerkungen zum Buch an sich.

Alon Hilu hat sich wirklich Mühe gegeben, seine Botschaft zu entschärfen und zu verschachteln. 
Erstens: er verlegt die Handlung um über hundert Jahre zurück, in das Jaffa des späten 19. Jahrhunderts. So konnte er nach Herzenslust in den Vorurteilen schwelgen, welche die damaligen Araber und Juden gegeneinander hegten.

Zweitens: er wählt ganz bewusst eine altertümliche Sprache, die dem Hebräisch der Bibel nachempfunden ist. Darin ist er sehr konsequent, und größtenteils gelingt es ihm auch wunderbar. Gerade durch diese Sprache entsteht für mich oft eine sehr feine Ironie, die umso tiefer trifft. Ein wenig schade ist nur, und da muss ich manchen Rezensenten zustimmen, dass sich der Erzählton des Erwachsenen, Isaac, und des Jungen, Salach, nicht allzu sehr unterscheidet.

Drittens: Er schaltet dem Buch eine - offenbar fiktive - Vorbemerkung eines \"Herausgebers\" vor, um das Geschehen realistischer wirken zu lassen. Ebenso gibt es ein Nachwort, in dem vom weiteren \"Leben\" der Hauptpersonen berichtet wird.

Viertens: Er schreibt sein konfliktreiches Drama in Tagebuchform. Sowohl der israelische Agronom Isaac Luminsky, als auch der arabische Junge Salach Rajani, vertrauen ihren Tagebüchern ihre Erlebnisse mit dem jeweils anderen an. Das wirkt wiederum sehr unmittelbar, und bezieht den Leser mit ein.

Fünftens: Er geht auch noch absichtlich so weit, die Tagebucheinträge der beiden Protagonisten sich ständig widersprechen zu lassen! Das beginnt erst ganz allmählich, doch spätestens ab der Mitte des Buches beginnt der Leser offen zu zweifeln. Schildert Isaac eine Episode eben noch aus seiner Sicht, sagt zwei Seiten später Salach etwas komplett anderes. Man kann einfach nicht entscheiden, wer \"Recht hat\". Man ist gezwungen, sich seine eigene Meinung als Leser zu bilden. Auch das finde ich, innerhalb der Gesamtaussage des Romans, genial gemacht! Ein wenig verwirrend wird diese Technik nur am Ende, weil nämlich für den Leser letztlich offen bleibt, ob der Kampf zwischen Isaac und Salach tatsächlich stattgefunden hat. Doch mir machte das nichts aus - ich finde Spielräume für die Imagination wunderbar.

Wenn wir nun alle diese Kniffe, Verschachtelungen und \"Rahmen\" zusammen betrachten, dann liest sich der reine Plot doch schon ganz anders: Ein studierter junger Israeli, Isaac Luminsky, reist mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Esther ins heutige Israel ein, um Land zu besiedeln. Offenbar sind die beiden von einer internationalen Organisation, den \"Chowewei Zion\", dafür geködert worden. Doch Isaacs Frust steigt schon bald an. Seine Ehefrau weist ihn sexuell ab, und das ist für einen Juden eine Katastrophe! Denn im Judentum ist Sex etwas Heiliges, sozusagen eine spirituelle Disziplin, ganz ähnlich dem tibetischen Tantra. Hinzu kommt, dass die Versprechungen der Chowewei offenbar falsch waren. Das einzige fruchtbare Land wird von Arabern bewohnt, und so ist Isaac letztlich nur glücklich, durch eine zufällige Begegnung auf der Straße Salach und seine Mutter Afifa kennen zu lernen. Denn diese besitzen ein wunderbar großes, wenngleich ein wenig verfallenes Landgut, samt herrlichsten Böden. Nicht nur dadurch wird Isaacs Begehrlichkeit geweckt. Afifa ist reizend, Strohwitwe, und auch der Junge ist durch sein Leben unter Frauen und die lange Abwesenheit des handelsreisenden Vaters ein wenig seltsam geworden. Beide, sowohl Afifa als auch Isaac, benutzen nun in Folge den Jungen als Vorwand und Schutzschild, um ihre jeweils eigenen Interessen verfolgen zu können. Es kommt, wie es kommen muss: die Situation spitzt sich immer mehr zu, bis Salach dahinter kommt, dass er nur benutzt wurde. Als dann auch noch der Vater zurückkehrt, ist die Katastrophe vorprogrammiert...

Ja, im Rückblick merke ich erst, dass das Buch nicht nur politisch gewichtig, sondern auch spannend war. Sicher, man musste sehr aufmerksam lesen, um den Bezug zum \"Rahmen\" nicht zu verlieren. Doch hatte man sich erst einmal daran gewöhnt, konnte man mit der Lektüre kaum aufhören. Ich vergebe also völlig verdiente fünf Sterne für dieses anspruchsvolle und ansprechende Lese-Erlebnis!


rumble-bee hat insgesamt 76 Rezensionen angelegt.


 
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